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Die schöne neue Bürowelt des Jahres 2030

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Im Jahr 2030 wird das Konzept des New Work 50 Jahre alt sein. Die Verheißung einer neuen Arbeitswelt wird bis dahin in vielen Branchen verwirklicht sein. Bis 2030 muss sich die Einstellung zur Arbeit aber noch grundsätzlich ändern. New Work hat das Zeug, zum Business-Buzzword des Jahres 2020 gewählt zu werden. Dem Potenzial dieses Megatrends wird das kaum gerecht. Wenn wir einen Blick in die Bürowelt 2030 wagen, ist von New Work wahrscheinlich nicht mehr die Rede. Denn dann ist New Work überall. Fünfzig Jahre, nachdem der Sozialphilosoph Frithjof Bergmann New Work als Konzept eines alternativen Arbeitsmodells entwickelte.

Der Mensch als freies Individuum

Bergmann war der philosophischen Frage nach der Freiheit des Menschen nachgegangen und hatte festgestellt, dass es etwas ganz Fieses gab, was diese Freiheit einschränkt: Arbeit. Das sollte in Zukunft anders lauten. Mit New Work sollte sich nach Bergmanns Ansicht der Mensch als freies Individuum verwirklichen können. Mit mehr Selbstständigkeit, Freiheit, Handlungsspielraum und Entfaltungsmöglichkeiten.

Von der Utopie zur Realität

In den 70er Jahren galten Bergmanns Thesen als pure Utopie. Erst die Digitalisierung hat gezeigt, dass ihre Verwirklichung Realität werden kann. Die Frage ist, ob sich 2030 die Verheißungen der Kreativ-Ökonomie erfüllt haben, die mit New Work einher gehen. Dem Menschen den Sinn in die Arbeit zurückzugeben, ihn seine Potenziale entfalten zu lassen. Work-Life-Blending wird bis dahin hoffentlich die starren Work-Life-Balance-Konzepte ersetzt haben. Arbeitgeber und Arbeitnehmer finden darin gemeinsam Lösungen, die individuelle Ansprüche einbeziehen.

Rätselhafte Berufsbilder

Die Symbiose von Leben und Arbeiten kann gelingen, wenn der Mensch sich auf das konzentrieren kann, was ihn von den Maschinen unterscheidet: Kreativität, Erfahrung, sensomotorische Intelligenz. Wenn selbstlernende Maschinen alle wiederkehrenden, monotonen Arbeiten übernehmen, schafft das dem Menschen die Freiräume, um starre Arbeitsstrukturen zu überwinden. In zehn Jahren wird es unter Kreativ-, Informations- und Servicearbeitern Berufsbilder geben, über die wir heute nur ansatzweise rätseln können.

In welchen Branchen es länger dauert

Wahrscheinlich ist 2030 New Work in Branchen wie IT, bei Grafikern oder Textern Standard. Länger wird es womöglich ausgerechnet in Branchen dauern, die einige Experten im Verdacht hatten, als erste robotisiert zu werden. Zum Beispiel Paketbot*Innen, Kellner*Innen oder Handwerker*Innen. Denn das, was der Mensch mit seinen Händen macht und wie er seine Umgebung wahrnimmt, da kommt kein Roboter mit.

Roboter zum Kuscheln

Hier hängt viel von der Weiterentwicklung der sogenannten binomischen Cobots ab, pneumatische Leichtroboter, die für die Zusammenarbeit zwischen Menschen und Robotern konzipiert werden. Diese Modelle sind in der Lage, feinfühlige Bewegungen auszuführen. Ihre Sensoren erfassen die Nähe eines Menschen und brechen Bewegungen schon vor dem Kontakt mit dem Menschen ab. Robotern zum Kuscheln sozusagen.

Der erste Cobot mit Gesellenprüfung

Das ist neu, denn Industrieroboter halten gewöhnlich erst bei direkter Berührung inne. Mit den fest am Boden verschraubten oder in Käfigen vor Menschen getrennten Industrierobotern werden diese freundlichen Cobots des Jahres 2030 nicht mehr viel gemein haben. Interessant wird es, wenn der erste Cobot seine Gesellenprüfung erfolgreich abschließt. Dann könnte er bestimmte Arbeiten selbständig abschließen und damit einem Handwerksmeister mehr Freiheit und Flexibilität erlauben.

Fehlertoleranz ja, aber nicht bei Robotern

Die Trial-and-Error-Toleranz, die ein menschlicher New Worker im Jahr 2030 mit großer Selbstverständlichkeit für sich einfordert, gilt nicht für den kollaborativen Roboter. Denn dessen Neutronengehirn wird die einst von Isaak Asimov formulierten Robotergesetze implementiert haben. Zuvor sichergestellt, dass niemals ein Roboter einem Menschen schaden darf.

Arbeit neu bewerten – und bezahlen

Bis 2030 muss sich noch viel ändern. Möglich, dass Arbeit – vor allem was die Vorstellung der Bürowelt 2030 anbelangt – gänzlich neu definiert werden muss. Arbeit wird neu bewertet und bezahlt, wobei der Nutzen für Gesellschaft und Klima als Bonus und das Gegenteil davon als Malus zählt. Die Frage nach dem bedingungslosen Grundeinkommen wird bis 2030 beantwortet sein. Sie steht und fällt mit der Antwort auf die Frage, was Arbeit überhaupt ist.

Hoffnung für die Gig Economy

Besonders dringlich wird diese Definition für die Gig Economy, also die neue Wirtschaftsform, in der Menschen ihren Lebensunterhalt mit situativen, auf Kurzfristigkeit basierenden Jobs bestreiten. Die Grundlagen dieser Jobs werden bis 2030 auf Basis eines Interessenausgleichs fair ausgehandelt. Die neue Dienstbotengesellschaft des Jahres 2020 ist dann nur noch eine ferne Erinnerung. Die Menschen werden sich schaudernd daran erinnern, dass Essenauslieferer das Wort „Partner“ auf ihrer Jacke trugen, als wären sie Mitinhaber einer Agentur.

Zeiteinteilung in der always-on-Ära

Mit Sicherheit auf den Müllhaufen der Bürogeschichte landet auch das schlechte Gewissen, wenn jemand den Arbeitsplatz vor 18 Uhr verlässt. Halber Tag Urlaub? Diese Frage entfällt, weil sie lächerlich ist. Umso wichtiger werden in der Ära des „always on“ wahre Off-Zeiten, das digitale Detox für Zwischendurch. Denn der Preis der Freiheit ist der regelmäßige Austausch mit Arbeit- und Auftraggebern, der durch Kollaborationssoftware, virtuelle Konferenzen und Cloud-Dienste sehr erleichtert wird.

Bürowelt 2030: Vorbild Co-Working Spaces

Gerade die Cloud erlaubt es, dass Menschen von ganz verschiedenen Orten aus an einem gemeinsamen Projekt arbeiten. Arbeit wird so zunehmend losgelöst von Ort und Zeit. Das Büro als zentraler Ort der Verrichtung von Arbeit ist in der Bürowelt 2030 Geschichte. Es wird abgelöst durch einen Ort der Begegnung und der Kommunikation. Das Vorbild dafür bieten Co-Working Spaces, die Selbstständige oder Projektteams als temporäre Arbeitsplätze mieten können. Diese Orte der Begegnung, des Austausches und der Geselligkeit werden der neue Mainstream und treten an die Stelle des klassischen Büros.

Büros als Stätten der Begegnung

Gewiss ist Corona nicht die letzte Pandemie. Doch sie hat in jedem Fall gezeigt, dass Büros Stätten menschlicher Begegnung sind. Viele haben das erst gemerkt, als es ihnen fehlte. Die Lockdown-Phasen boten dazu eine Menge Anschauungsmaterial. New Work ist im Jahr 2030 vor allem eines: Gemeinschaft.

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