Das gesunde Büro geht durch den Magen

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Das ist ein ganz persönlicher Blogbeitrag, der inmitten von Wiesenblumen und Bienengesumme und mit Blick auf einen hellblauen und kondensstreifenlosen Himmel geschrieben wurde. Das ‚gesunde Büro‘ liegt im österreichischen Südburgenland, einer idyllischen Weinbau-Region und wurde nach meinen Kriterien als ‚Home Office im Grünen‘ in den letzten Jahren so definiert. Wenn meine Konzentration an diesem Ort der Sommerfrische etwas stört, dann ist es das Klopfen des Spechts im Wald, der an mein Grundstück grenzt und eine Hornisse, die mit einer halben Brombeere schwer bepackt – und wie die Tierversion einer Harley Davidson brummend – über meinen Kopf hinweg fliegt.

Ins gesunde Büro flüchten

Ich bin ins Home Office aufs Land geflüchtet, weil einer von sechs Kern-Parametern für ein gesundes Büroumfeld in der Stadt nicht mehr gewährleistet war: die arbeitsadäquate Geräuschkulisse. Wenn dann noch zwei weitere Parameter-Punkte kippen, herrscht Chaos. Auch wenn dieses Chaos leise kommt und sich meist bis zu jenem Moment verbirgt, bis es über die Schwelle des Erträglichen gleitet. Wenn sich, wie in meinem Fall, das wochenlange Gedröhne eines Bohrhammers in der Nachbarwohnung schlimmer als eine unendliche Wurzelbehandlung anfühlt. Oder die schlecht gedämmte Altbauwohnung im Dachgeschoss während eines Sommers mit Temperaturen von 39 Grad C die Luft zu heiss zum Atmen macht.

Wo immer meine Generation im Berufsalltag lebt, wir sind zum Glück nie heimatlos. Unsere Heimat ist größtenteils die unserer Eltern. Die Generation X hat sich über Jahre einreden lassen, dass es erstrebenswert sei, an so vielen Orten wie möglich zu wohnen. Möglichst noch weit weg im Ausland. Die Generation Y hat man dann in die urbane Elite gedrängt und suggeriert, dass sie nichts anderes brauche als ein MacBook, um überall und immer live dabei zu sein. Deshalb gibt es Möbelhersteller, bei denen alles aus Pappe ist, wie die Betten, die Stühle und der Esstisch. Es war sogar eine Zeitlang en vogue, Start-Up Büros mit Pappmöbeln einzurichten. Das, was Jungunternehmer „Zuhause“ nennen, ist aber oft nur der Ort, an dem sie am häufigsten übernachten. Das, was sie als ihr Büro betrachten, findet an Orten statt, über deren Einrichtung sie – bisher – nicht mitentscheiden konnten. Ich, Mlle GenX und die, die nach mir kommen flüchten nun also ins Home Office, ob aufs Land, zu den Eltern, wegen einer Krise oder keiner, aber auf alle Fälle einfach raus aus dem gewohnten Büro-Alltag.

Was macht das gesunde Büro aus?

Die sechs Parameter, die im Netz fürs ‚gesunde Büro‘ aufgelistet sind, lauten:

  • Ergonomische Büroeinrichtung
  • Computer, Computerzubehör und Software
  • Arbeitsorganisation
  • Beleuchtung
  • Raumklima
  • Geräuschkulisse

Wenn ich an ein gesundes Büro denke, kommen mir weder ergonomische Bürostühle, noch aufgeräumte Bürotische in den Sinn. Ich denke zu allererst an die Möglichkeiten, histaminarm und qualitativ tiptop mit meinem Team Mittagessen zu gehen. Oder im Home Office am Land komplett chemielose Pflaumen und Aprikosen vom Baum zu pflücken. Das Thema Ernährung im Berufsalltag liegt mir heute sehr am Herzen. Jahrzehntelang habe ich in einem Büro gearbeitet, das keine Kantine oder Küche hatte und selbstgekochte Speisen ablehnte. Wir waren von Restaurants mit Hausmannskost und Fast-Food-Läden umgeben. Zusätzlich wurden die Besuche bei meinem Kunden, einem Hersteller von Snacks, von Kofferwägen voller Schokoriegel und anderen Zuckerbomben begleitet. Diese wurden dann gegen den abendlichen Hunger im Büro vertilgt. Dann, wenn die Restaurants schon geschlossen waren und man um Mitternacht noch frische Ideen brauchte.

Smoothie statt Kaffeekonsum

Auf einer Forschungsreise durch 300 Büros in 30 Städten habe ich viele unternehmenseigene Restaurants und Cafés gesehen, die mich faszinierten. Wenn sich heute Mitarbeiter in der Büroküche einen Smoothie statt eines Kaffees zubereiten und sich nach dem Lunch für einige Minuten zum Powernap in der eigens dafür eingerichteten Ruhezone hinlegen, um frische Energie zu tanken, merke ich, dass das Konzept des gesunden Büros endlich auch in unserem Kulturkreis angekommen ist.

Nun wird sich nicht jeder Kleinbetrieb einen Michelin-Hauben-gekrönten Haus- und Hof-Koch leisten. Wie kann trotzdem in mehr gesundes Essen am Arbeitsplatz investiert werden? Einmal pro Woche zum gemeinsamen ‚gesunden‘ Mittagessen, das der Chef spendiert. Das wird geliefert, selbst gekocht oder im Lokal um die Ecke, dem diese Benennung gebührt, konsumiert. Nüsse und Oliven anstelle von Keks und Gummizeug in die Konferenzräume und in die Büroküche stellen. Eine Müsli-Theke installieren und Obstkörbe an neuralgischen Punkten im Büro postieren. Eine Liste mit gesunden Mittagslokalen in der näheren Umgebung recherchieren und Vereinbarungen zu vergünstigten Menüs für die Belegschaft treffen.

Gesunde Ernährung im Büro – Foto von Nielsen Ramon auf Unsplash

New Work Experten sind auf jeden Fall überzeugt, dass es beim Thema Gesunde Ernährung im Büro eine Art Schneeballeffekt geben wird. Die Umstellung auf eine gesündere Lebensweise hört auch nicht nach der Arbeitszeit auf, sondern betrifft auch das Privatleben, und eine allgemein gesündere körperliche und geistige Verfassung ist für jeden (vor allem für den Arbeitgeber) ein Gewinn.

Resilienz lässt sich trainieren

Bereits wenige Änderungen der Arbeitsumgebung helfen, den Stresspegel zu senken, Burnouts vorzubeugen und insgesamt das Wohlbefinden zu steigern. Das Ergebnis von gesundheitsfördernden Maßnahmen, die aufs eigene Unternehmen maßgeschneidert werden, resultieren in spürbarer Erhöhung der Produktivität in der Arbeit. Resilienz lässt sich trainieren – das geht aber eher in der Community als allein daheim.

Das gesunde Büro besteht auch aus sozialen Beziehungen, intellektuellem Austausch und Inspiration durch andere. Im beruflichen Kontext sozial eingebunden zu sein, gilt als einer der wichtigsten Resilienzfaktoren. Hier geht es um die Beziehungen zu Kollegen und zur Geschäftsleitung. Wer herausfinden möchte, ob er im Job gut aufgefangen wird, kann sein soziales Netz einmal spielerisch visualisieren.

Probieren Sie folgende Technik aus: Schreiben Sie Ihren Namen mittig auf ein großes Blatt. Dann setzen Sie jeweils in eine der vier Ecken die Namen wichtiger Personen aus Ihrem Berufsumfeld und ziehen Kreise um jeden Namen – je wichtiger die Person, desto größer der Kreis. Nun verbindet man den eigenen Kringel mit den Kringeln der anderen und zwar abgestimmt, nach der Qualität der Beziehung. Die Linien können dick sein (viel Kontakt) oder dünn (wenig Kontakt), gerade (positive Beziehung) oder wellenförmig (schwierige Beziehung). Diese Methode macht Lücken oder Ungleichgewichte im beruflich sozialen Netz im Büro sichtbar. Zum Beispiel, dass man zwar einen verlässlichen Chef hat, aber keine vertrauenswürdige Bezugsperson im Team.

Lesen Sie auch diesen Blogbeitrag: https://graef-office.de/blog/das-gesunde-buero-ist-kein-zufall/

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