Altersdiskriminierung: Wer Age Diversity sagt, lügt

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Innovativ sein ist keine Sache des Alters. Die Symbiose aus Erfahrung und frischem Wind kann in einem Team richtig zünden – doch trotz aller gegenteiliger Bekundungen halten sich in Unternehmen zäh die Vorurteile gegen ältere Arbeitnehmer. Altersdiskriminierung sollte endlich von gestern sein.

Person 1: „Ich bin ihr neuer Praktikant“

Person 2: „Schön, dass Sie das auch mit Humor nehmen.“

Der Dialog stammt aus der Filmkomödie „Man lernt nie aus“, in der Szene steht der 70-jährige Witwer Ben Whittaker (Robert De Niro) vor Jules Ostin (Anne Hathaway), der jungen CEO eines E-Commerce-Unternehmens in New York. Ostins Blick sagt: Was will der alte Sack in meinem Startup? Die subtile Botschaft der Szene: im fortgeschrittenen Alter ist man mit seiner Karriere entweder ganz oben angelangt – oder raus.

An Bord zu bleiben, ist ein Kraftakt

Angesichts des demographischen Wandels ist der Wunsch weiterzuarbeiten weniger absurd, als die Komödie suggeriert. Denn eine wachsende Zahl älterer ArbeitnehmerInnen will gern an Bord bleiben. Viele sind mit 65 noch fit und wollen weitermachen. In Unternehmen in Deutschland und vielen anderen Ländern Europas entpuppt sich das oft als Kraftakt. Und mit 60 ein eigenes Unternehmen zu gründen, trauen sich nur wenige zu.

Angst vor Altersdiskriminierung

Viele ältere Bewerber verzichten aus Angst vor Altersdiskriminierung neuerdings auf eine Information, die früher als essentiell galt: die Angabe des Alters. Sie hoffen, beim Einstellungsprozess irgendwie anders punkten zu können, als Persönlichkeit zu überzeugen. Und Sie wissen, wie schwierig das wird. Der Kandidat darf alles mögliche sein, aber nicht alt. Natürlich wird die Personalabteilung den Teufel tun und das aussprechen. Würden mit der Stellenausschreibung ausdrücklich junge Bewerber gesucht, könnte laut Bundesarbeitsgericht (BAG, Urteil vom 19. August 2010 – Az.: 8 AZR 530/09) ja ein Verstoß vorliegen.

Wanted: Young Professionals

Selbst ein Stellengesuch nach „Hochschulabsolventen/Young Professionals“ oder „Berufsanfängern” könnte als Altersdiskriminierung geahndet werden. Die Ungleichbehandlung darf also nirgendwo schriftlich niedergelegt sein. Aber das Bewerbervideo oder die Vorstellung bringt es dann an den Tag. Oh Gott, graue Haare. Dann findet sich schnell ein Grund, jüngere Bewerber der alten weißen Frau oder dem alten weißen Mann vorzuziehen.

Altersdiskriminierung – geht dafür jemand auf die Straße? Alte sind in vielen Unternehmen in etwa so angesagt wie dieser Bierkrug aus russischem Wurzelholz – Foto: Guido Walter

Wer Age Diversity sagt, lügt

Doppelmoral ist nicht an die Unternehmensgröße gebunden, sie findet sich in Konzernen ebenso wie mittelständischen Firmen oder Startups. Auf dem Firmenschild steht Diversity drauf – aber mit Vielfalt ist etwas anderes gemeint. Drastisch gesagt: Wer Age Diversity sagt, lügt. Altersdiskriminierung ist die letzte Form der Benachteiligung, die nicht unter das Verdikt der Political Correctness fällt. Legion dagegen sind die Klagen gegen alte weiße Männer in den Vorständen deutscher Unternehmen, welche alle Macht in ihren Händen halten.

„Hipster-Opa“ auf dem Dancefloor

Was nicht falsch ist. Aber die Tatsache ausblendet, dass der weitaus größere Teil der alten weißen Männer weder Macht noch viel Geld besitzt, viele davon sogar arm oder krank sind. Eben die armen, alten weißen Männer und Frauen, die das Werbefernsehen nicht zeigt. Da tanzt für die Sparkasse ein „Hipster-Opa“ – mit Hemd, Weste, Fliege und Pork-Pie-Hut. Da herzt der grau-melierte fitte Opa seine Enkel im tilschweigeresken Bronzelicht oder balzt der alternde Galan auf dem Deck des Kreuzfahrtschiffs um seine Angebetete, mit einer Rose im Mund. Nicht zu vergessen die Oma auf dem Surfbrett.

Sie erfahren nichts

Man sollte die vitalen Senioren aus dem Fernsehen mal auf Bewerbertour schicken. Wahrscheinlich würden dort selbst die Vorzeige-Rentner eine böse Überraschung erleben. Denn womöglich könnten auch sie nicht die hartnäckigen Vorurteile tilgen, die gegen älteren Bewerbern vorgebracht werden, wobei vorgebracht das falsche Wort ist, sie erfahren es natürlich nicht, wenn in der Absage davon die Rede ist, dass damit selbstverständlich kein Urteil über ihre Qualifikation enthalten ist, man sich aber für eine andere geeignetere Kandidatin oder einen anderen geeigneteren Kandidatinnen entschieden habe. Geeignet im Sinne von: jünger.

Was EntscheiderInnen über Ältere denken

Weil Sie, liebe ältere BewerberIn, den Grund für die Absage zwar erahnen, aber nie erfahren werden, hier ein exklusiver Einblick in die Gedankenwelt derjenigen, die entscheiden. Es ist natürlich nur ein Schlaglicht, aber durch einige Gespräche mit Geschäftsführern habe ich eine gewisse Ahnung, was in den Köpfen der Entscheider vorgeht. Es waren überwiegend alte weiße Männer, deswegen wähle ich die männliche Form, weise aber ausdrücklich darauf hin, dass es großartige weibliche Führungskräfte gibt. Also, der Entscheider.

Die paar Jahre bis zur Rente

Zunächst mal wird er Sie für undynamisch und krankheitsanfällig halten, er wird denken, Sie haben ständig „Rücken“ und können deshalb nicht zur Arbeit erscheinen. Dann denkt er, dass Sie ausgebrannt sind, keinen Bock auf Arbeit haben und im Prinzip nur die paar letzten Jahre bis zur Rente rumkriegen wollen. Was er ganz bestimmt denkt, ist, dass Sie in Punkto Technik hinter dem Mond leben, mit Sicherheit von Cloud Computing und Co. noch nichts gehört haben und nicht imstande sind, mit neuen Programmen umzugehen, auch wenn sie seit Jahrzehnten Erfahrungen mit Computern haben.

Erfahrung hat ihren Wert

Wie soll sich so jemand einfügen, wird er denken, die jüngeren Kollegen würden alles uncool finden, was er so sagt oder postet, alter Sack eben. Ein Klassiker darf in den Gedanken nicht fehlen:  Ältere können sich jüngeren nicht unterordnen. So einen alten Besserwisser, der fehlt gerade noch. Natürlich hat eine gewisse Seniorität, hat Erfahrung ihren Wert. Aber auf der anderen Waagschale wiegen die Vorurteile schwer – glücklich, die oder der es dennoch im Alter schafft, die Traumstelle zu ergattern.

Die Alten gehen zuerst

Einige Unternehmen stellen Ältere ein, weil sie sich ein soziales Image geben wollen – wie die Firma im Film „Man lernt nie aus.“ Als Gnadenakt sozusagen. Wahre Age Diversity ist im Unternehmensalltag dagegen sehr selten. Die Alten sind längst weg, und neue kommen nicht rein. Wenn aussortiert wird, müssen meist die Alten zuerst gehen – auch wenn bei ihnen die Abfindungen am teuersten sind. Dass ein Team mit mehreren Generationen ein großer Erfolg sein kann, ist eine rare Erkenntnis.

Altersdiskriminierung: Umdenken lohnt sich

Klar müssen auch die Alten umdenken, sich nicht gegen digitale Expertise zur Wehr setzen, nach dem Motto: lohnt sich für mich nicht mehr. Wer so denkt, darf sich nicht wundern. Umdenken müssen aber in erster Linie die Arbeitgeber. Innovationen kommen auch von der älteren Generation. Und die Symbiose aus Erfahrung und frischem Wind kann richtig zünden – man muss es nur versuchen.

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