Codes der Raumpsychologie

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Das Ideal eines harmonischen Arbeitsumfelds zu erschaffen, ist für Geschäftsführer wie Projektverantwortliche gleichermaßen eine Herausforderung. Wer über Grundkenntnisse der Raumpsychologie verfügt, hat es einfacher.

Die Deutsche Kinemathek in Berlin bietet derzeit ein besonderes Raumerlebnis an. Besucher können mit VR-Brillen in „Das Cabinet des Dr. Caligari“, Robert Wienes expressionistisches Film-Meisterwerk von 1920, eintauchen. Unmögliche Schrägen, schiefe Kulissen und aufgemalte Schatten ermöglichen den intensiven Eindruck einer unwirklichen, expressionistisch verzerrten Welt der Angst, die Raum geworden ist.

Schaltzentralen der Angst

Räume haben eine Seele. Sie sorgen bei allen, die in sie eindringen, für Gefühle. Negative Gefühle wie Angst, oder positive wie Wohlbefinden oder Glück. Set Designer im Film wissen das seit den Zeiten des Expressionismus, und so hat sich auch Ken Adam, der von „Dr. No“ (1962) bis „Moonraker“ (1979) für das Design der James-Bond-Filme verantwortlich war, an Robert Wiene orientiert. Er schuf die mit allerlei Gadgets ausgestatteten Schaltzentralen der nach Weltherrschaft strebenden Superverbrecher mit Konferenztischen, an denen sich der Oberschurke unliebsamen Mitarbeitern per Knopfdruck entledigen konnte. US-Ex-Präsident Ronald Reagan erkundigte sich gar nach dem „War Room“ mit seinem berühmten kreisförmigen Tisch, den Ken Adam für Stanley Kubricks Film „Dr. Strangelove“ entworfen hatte.

Ken Adam War Room – Screenshot von https://ken-adam-archiv.de/ken-adam/war-room

Für ein harmonisches Umfeld sorgen

Anhänger von „New Work“ schütteln da heute nur mit dem Kopf, einschüchterndes Raumdesign passt nicht mehr in ein Zeitalter, in dem sich Hierarchien auflösen und Geschäftsführer und Projektverantwortliche für ein harmonisches Umfeld zu sorgen haben, in dem Innovation und Kommunikation blühen. Dass räumliche, optische, akustische, olfaktorische und sensorische Reize die Arbeitsleistung verbessern können, ist längst bekannt. Jeder Geschäftsführer hat ein natürliches Interesse an der Produktivität und Leistungsbereitschaft seiner Mitarbeiter. Ein Arbeitsplatz, der schlechte Laune und Müdigkeit verbreitet oder sogar krank macht, passt da nicht ins Bild.

Paradigma für die Büroeinrichtung

Ein harmonisches Arbeitsumfeld ist aber eine Idealvorstellung, und der Weg zu ihrer Realisierung ist voller Hindernisse. Eine Studie des Bitkom legt nahe, dass die durch Digitalisierung getriebenen neuen Arbeitskonzepte auch für die Büroeinrichtung ein Paradigma darstellen. Der Studie zufolge arbeitet nur noch jeder vierte Büroarbeiter alleine in seinem Büro, 37 Prozent der Befragten hatten ihren Arbeitsplatz in einem Mehrpersonenbüro mit zwei bis vier Mitarbeitern, 22 Prozent arbeiten in einem Großraumbüro mit fünf und mehr Mitarbeitern. Jeder zehnte Mitarbeiter verfügte nicht mehr über einen festen Arbeitsplatz, sondern nutzte einen sogenannten Shared Desk oder ein non-territoriales Büro. In Startup-Städten wie Berlin sind die letztgenannten besonders verbreitet.

Revierverhalten bei Shared Desks

Doch selbst bei Shared Desks lässt sich das Revierverhalten nicht unterdrücken, wie mir kürzlich ein für New Work verantwortlicher Projektleiter berichtete, der für die Büroplanung eines Startup-Office in Berlin verantwortlich ist. Selbst als Gemeinschaftsplätze ausgewiesene Arbeitsflächen werden in Großraumbüros, oft mit Hilfe persönlicher Gegenstände, als Territorium markiert. Um das Fluidum des Halbprivaten zu erzeugen, reicht die persönliche Kaffeetasse, jeder Eindringling hat dann gleich ein schlechtes Gewissen. Geeignet erscheinen auch spezialisierte Arbeitsmaterialien wie ergonomische Mäuse oder Keypads, der Eindringling muss dann den Shared Desk nach seinen Bedürfnissen umgestalten und wird sich womöglich, ganz im Sinne des zwischenzeitlichen „Eigentümers“,  eine andere Arbeitsfläche suchen.

Ort der Selbstdarstellung

Auf solche Hilfskonstrukte sind jene, die wirklich über einen eigenen, unverrücklichen Arbeitsplatz verfügen, nicht angewiesen. Sie können sich individuell entfalten, was einem Raumpsychologen dann aber auch besonders interessante Analyse-Optionen bietet. Denn alles, was im Büro am Schreibtisch über das Notwendige hinaus an Gadgets hinzugefügt wird, verrät etwas über den Charakter seines Residenten. Wenn man den Studien der Psychologin Pinar Dinc glaubt, dann gibt es hierbei durchaus Unterschiede bei männlichen und weiblichen Angestellten. Männer sind hierarchie- und revierbetonter, sie wissen um die Statussymbolhaftigkeit von Eckbüros, der Anzahl der Fenster und der Höhe der Zimmerdecke, sie schmücken ihre Räume zudem gern mit gerahmten Auszeichnungen und Trophäen. Frauen dagegen schätzen Gemütlichkeit, ihre Arbeitsplätze sind eher Rückzugsorte und dienen weniger der Selbstdarstellung denn der Kommunikation.

Frisches Denken, abstrakte Kunst

Die Raumpsychologie ist keine Raketenwissenschaft, jedes Detail der Büroausstattung hat etwas Verräterisches. Das fängt ganz oben an. Geschäftsführer und CEOs stellen gern unkonventionelles und frisches Denken zur Schau, das drücken sie mit abstrakter, moderner Bildkunst an der Wand oder mit einer Skulptur aus, die intellektuelle Kühle wird dann mit Familienfotos auf dem Schreibtisch oder einem vom Nachwuchs selbst gemalten, adrett gerahmten Wandbild gekontert. All dies dient neben der Selbstdarstellung auch der Schaffung von Gesprächsanlässen, besonders dann, wenn man nicht mit einem spektakulären Blick aus dem Fenster gesegnet ist.

Codes der Raumpsychologie

Ahnenbilder, mit denen Mittelständler ihre Chefbüros traditionell gern schmücken, sind etwas aus der Mode gekommen. Mit etwas Glück liegt eine moderne Adaption des Gründerantlitzes von Andy Warhol vor. Codes lassen sich in der Raumpsychologie bewusst setzen: Eine Weltkarte verströmt Mondänität, eine Bücherwand Weisheit. Das rechte Maß zu halten, ist dabei eine Kunst. Der Grat zwischen gekonnter Selbstdarstellung und Profilneurose ist schmal.

Pflanzen schlagen Wurzeln

Ein raumpsychologisch geschulter Geschäftsführer vermag an den Accessoires seiner Mitarbeiter einiges zu erkennen. Pflanzen? Das sitzt jemand, der sich kümmert. Ob der oder die auch Wurzeln schlagen will? Ich will doch Pioniere, keine Siedler. Was macht der Kugelschreiber mit dem Logo der Konkurrenz auf dem Schreibtisch? Wir sollten ein Auge auf die Frau haben. Ob der Stifthalter aus echtem Silber ist? Womöglich zahle ich dem Mann zu viel. Und warum stellt der sich mit Bildschirmen zu? Der redet wohl nicht gern.

Die sinnvolle Büroeinrichtung

Mitarbeiter erwarten einen sinnvoll gestalteten Raum und eine moderne Büroeinrichtung. Sie wissen es zu schätzen, wenn sich die Geschäftsleitung darüber Gedanken gemacht hat, wie es den Leuten geht, die in diesen Räumen arbeiten sollen. Über die Nutzung des Raums sollte sich der Chef oder die Chefin vorab Gedanken machen. Wenn Menschen in einer non-territorialen Bürowelt oder in einer eher konservativen Bürowelt zusammenarbeiten sollen, müssen die Gestaltungskriterien daraufhin angepasst werden.

Kommunikation justieren

Erst durch die Wahrnehmung der Arbeitsabläufe festigt sich das Bild des Raumes, er erhält seine Akzeptanz durch die Menschen, die darin arbeiten. Diese Nutzung kann durch bestimmte Designparameter subtil vorgegeben werden. Der Raum kann gemütlich oder klar, formell oder informell, kommunikativ oder kollaborativ gestaltet werden, seine Wirkung kann einladend oder abweisend, hierarchisch oder teamfokussiert sein. Die Gestaltung von Räumen wird somit zum Managementwerkzeug, mit dem Kommunikation justiert werden kann.

Puzzleteil eines Gesamtkonzepts

Jedes Nutzungsszenario braucht eine individuelle Möblierung, Designparamenter müssen auf das Nutzungsszenario für den vorhandenen Raum abgestimmt werden. Dabei geht es um Beleuchtung, Farb- und Materialkonzepte, Wandstellung, Möblierung – man kann an vielen Stellschrauben drehen, um die gewünschte Nutzungsvorgabe zu erfüllen. Die Möblierung ist dabei immer nur ein Puzzleteil eines Gesamtkonzepts, in das Parameter wie Akustik, Licht, Luft und Klima mit einfließen.

Bereich für die schnelle Kaffeepause, der auch zum informellen Austausch einlädt – Foto Alex Kranz für GRAEF

Das durchdachte Konzept der Raumpsychologie

Was fürs Büro gilt, gilt übrigens auch für Verkaufsräume. Ein professionell durchdachtes raumpsychologisches Konzept entfaltet seine Wirkung auf Kunden. Wenn Farben, Wandgestaltung, Materialien, Lichtführung, Raumakustik und Einrichtung intelligent zusammenwirken, stehen Kunden dem Produktangebot und den Mitarbeitern des Unternehmens freundlicher gegenüber und entscheiden sich öfter zum Kauf.

Zum Weiterlesen über Raumpsychologie: Erfolgsfaktor Raum (Fraunhofer Institut)

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