Neurodivergenz: Warum gutes Design alle gewinnt

Die Gestaltung eines inklusiven Arbeitsumfelds hat drei zentrale Pfeiler: die räumliche Gestaltung, flexible Arbeitsmodelle und eine tiefgreifende Sensibilisierung

von Guido Walter

Neurodivergenz: Warum gutes Design alle gewinnt

„Ich kann mich einfach nicht konzentrieren.“ Dieser Satz, in der Kaffeeküche ausgesprochen und oft mit einem Achselzucken quittiert, ist für viele neurodivergente Menschen keine beiläufige Klage, sondern bittere Realität. Wer mit Autismus, ADHS, Dyskalkulie, Dyspraxie oder anderen neurologischen Besonderheiten lebt, erlebt den Büroalltag oft als permanente Überforderung. Nicht, weil er oder sie nicht arbeiten will oder kann, sondern weil die Umgebung nicht mitgedacht wurde. Dabei beginnt Inklusion nicht erst mit der Anschaffung von Tools oder einer Diversity-Strategie, sondern bei der Haltung: Wie gestalten wir Räume, Rhythmen und Beziehungen so, dass sie für möglichst viele Menschen funktionieren – und niemanden ausschließen?

Die gute Nachricht: Was neurodivergenten Menschen hilft, verbessert das Arbeitsumfeld für alle. Es geht also nicht um Rücksichtnahme auf eine kleine Minderheit, sondern um die intelligente Weiterentwicklung von Arbeitskultur. Ein inklusives Arbeitsumfeld hat drei zentrale Pfeiler: die räumliche Gestaltung, flexible Arbeitsmodelle und eine tiefgreifende Sensibilisierung für Neurodiversität. Beginnen wir mit dem Raum – dort, wo sich Arbeit konkret anfühlt.

Gestaltungsprinzip „Von laut nach leise“

In klassischen Büros herrscht oft ein stillschweigendes Ideal: Wer erfolgreich ist, sitzt acht Stunden an einem Schreibtisch, beteiligt sich an Gesprächen, reagiert schnell auf Reize und ist stets verfügbar. Für neurodivergente Menschen ist das nicht nur unpassend, sondern mitunter schädlich. Viele reagieren auf Reize sensibler als andere, auf Geräusche, Licht, Gerüche, visuelle Unordnung. Ein Brummen aus dem Deckenlautsprecher kann zur Qual werden. Eine offene Großraumatmosphäre, in der ständig Kollegen vorbeigehen, erzeugt eine Daueranspannung, die produktives Arbeiten verhindert.

Als GRAEF für Stromnetz Hamburg eine neuen Arbeitswelt entwickelt hat, stand deshalb das Prinzip: „von laut nach leise“ ganz vorn an. Dieses Leitsystem ist weit mehr als nur eine räumliche Ordnung – es ist eine Antwort auf die Bedürfnisse moderner Arbeitskulturen, die Agilität, Austausch und Konzentration gleichwertig nebeneinander ermöglichen müssen, gerade für neurodivergente Menschen.

Bereits beim Betreten des Modulgebäudes spürt man den Gedanken hinter dem Konzept. Die äußeren Bereiche des Büros sind offen gestaltet, bewusst dynamisch, und laden zu spontanen Begegnungen, Diskussionen und kurzen Abstimmungen ein. Akustisch und optisch wirken sie lebendig – „laut“ im besten Sinne. Hier dominieren flexible Möblierungen, offene Kommunikationsflächen und ein hoher Grad an Sichtbeziehungen, der Transparenz und Teilhabe signalisiert.

Je tiefer man sich in das Gebäude hineinbewegt, desto mehr verändert sich die Atmosphäre. Akustisch wird es ruhiger, visuell geschützter. Die Materialien reagieren mit – so werden Teppichböden dicker, Trennwände höher, Oberflächen absorbierender. Räume für konzentriertes Arbeiten und vertrauliche Gespräche sind klar abgegrenzt, jedoch weiterhin als Teil eines durchdachten Gesamtsystems erfahrbar. Die Arbeitsbereiche sind abgestuft zoniert – vom agilen Projektbereich über offene Teambüros bis hin zu Rückzugsorten und Workshopzonen.

Diese Zonierung folgt keinem dekorativen Selbstzweck, sondern bildet die Grundlage für ein Büro, das die Diversität der täglichen Anforderungen ernst nimmt. Mitarbeiter finden je nach Aufgabe den passenden Raum: ob spontan, dialogisch oder fokussiert. Die Herausforderung bestand darin, diese Übergänge nicht nur logisch zu gestalten, sondern sie auch erlebbar zu machen – durch Materialwahl, Lichtführung und Möblierung. Dabei wurde bewusst auf harte Brüche verzichtet. Stattdessen schafft das Prinzip der Graduierung – von laut nach leise – eine intuitive Raumdramaturgie.

So entstand im Dialog mit der Geschäftsführung und den Nutzergruppen ein Projekt, das beispielhaft zeigt, wie man Hierarchien, Arbeitsprozesse und Raumbedürfnisse in ein stimmiges Design überführt. Ein Büro, das nicht diktiert, sondern dirigiert – von außen nach innen, von laut nach leise.

Endlich Ruhe hier

Sensorische Überforderung ist ein zentrales Problem neurodivergenter Mitarbeitender – und wird im Bürodesign bislang viel zu selten beachtet. Nehmen wir die Akustik: Das Klappern von Tastaturen, klingelnde Telefone, Gesprächsfetzen – all das ist für viele Menschen mit ADHS oder Autismus nicht nur störend, sondern schmerzhaft. Abhilfe schaffen kleine, akustisch gedämmte Rückzugsboxen, schallabsorbierende Materialien an Wänden und Decken oder das gezielte Einspielen von neutralisierenden Geräuschkulissen. Manche Unternehmen setzen auf sogenanntes Sound Masking – leises Rauschen, Wasserplätschern oder Vogelgezwitscher, das störende Einzellaute abmildert.

Kaltes Licht und üble Gerüche

Auch das Licht spielt eine große Rolle: Kaltweiße LED-Deckenbeleuchtung, die flackert oder Schatten wirft, kann bei Menschen mit sensorischer Empfindsamkeit Migräne, Unruhe oder Angstgefühle auslösen. Viel besser sind individuell steuerbare Lichtquellen – zum Beispiel über Apps, die sich dem natürlichen Tagesverlauf anpassen.  Auch Gerüche verdienen mehr Beachtung: Duftspender, Reinigungsmittel oder das Currygericht vom Vortag in der Mikrowelle – all das sind Faktoren, die neurotypische Menschen kaum bemerken, neurodivergente dagegen sehr stark. Raumluftfilter, geruchsneutrale Reinigungsmittel und klare Regeln für Gemeinschaftsküchen sind einfache, aber wirksame Maßnahmen.
 

Eine Zone der Bequemlichkeit

Eine inklusive Umgebung achtet zudem auf Bewegung und Orientierung. Für Menschen mit Dyspraxie oder Angststörungen kann schon ein unübersichtlicher Raum zur Hürde werden. Klare Wegeführungen, kontrastreiche Bodenmarkierungen oder das Vermeiden von Stolperfallen wie herumliegende Kabel und wackelige Möbelstücke schaffen Sicherheit. Auch ergonomisches Mobiliar trägt zur Inklusion bei: höhenverstellbare Tische, schwenkbare Monitore, bewegliche Stühle, Stehhilfen.   Je nach Tageszeit und Arbeitsrhythmus wandeln sich dort Räume – morgens ein konzentrierter Arbeitsbereich, mittags ein lockerer Besprechungsort, nachmittags eine ruhige Rückzugszone.

Zentral ist auch die Zonierung – nicht jeder arbeitet gleich. Die Vorstellung, dass alle im selben Raum, zur selben Zeit, mit derselben Energie arbeiten sollen, ist schlicht falsch. Manche brauchen Stille und Abschirmung, andere kreative Reize und Bewegung. Ein wirklich inklusives Büro bietet verschiedene Umgebungen: Rückzugsräume mit natürlichem Licht, aber ohne visuelle oder akustische Reize; Deep-Work-Räume, die störungsfrei gestaltet sind; kreative Ecken, in denen gesprochen, gebastelt oder improvisiert werden darf; Pausenzonen, in denen niemand das Gefühl haben muss, sich unterhalten zu müssen. Diese Vielfalt kommt nicht nur neurodivergenten Menschen zugute, sondern jedem, der unterschiedliche Tagesphasen und Stimmungen kennt.

9-to-5 ist keine Lösung für alle

Doch Raumgestaltung allein genügt nicht. Auch die Organisation von Arbeit selbst muss sich ändern. Starre Arbeitszeiten sind für viele neurodivergente Menschen problematisch. Wer mit ADHS lebt, kennt das Phänomen des Hyperfokus: Phasen, in denen man hochproduktiv ist, aber auch andere, in denen der Kopf einfach nicht will. Menschen mit chronischer Erschöpfung, Angststörungen oder Autismus erleben ebenfalls Schwankungen in Konzentration und Reizverarbeitung. Gleitzeit, Vertrauensarbeitszeit oder projektbezogene Zielvereinbarungen sind hier hilfreicher als Präsenzpflicht.

Auch die Frage nach dem Arbeitsort ist entscheidend: Für viele neurodivergente Menschen ist das Homeoffice der sicherste, stabilste Ort. Dort können sie Reize selbst steuern, ihre Umgebung anpassen, ohne soziale Überforderung arbeiten Autisten im Homeoffice produktiver arbeiten als im Büro. Arbeitgeber, die hybrides Arbeiten aktiv ermöglichen, öffnen damit eine wichtige Tür – und nicht nur für diese Zielgruppe. Dennoch braucht es auch im Homeoffice Unterstützung: Kommunikation, transparente Prozesse, digitale Tools – und die Möglichkeit, bei Bedarf ins Büro zurückzukehren.

Es reicht nicht, einmal ein PDF zu verschicken

Und schließlich: Sensibilisierung. Denn der inklusivste Raum wird wertlos, wenn die Kollegen nicht mitziehen. Wenn neurodivergente Menschen sich erklären, rechtfertigen oder sogar verstecken müssen, entstehen neue Barrieren. Schulungen zum Thema Neurodiversität sollten daher fester Bestandteil jeder Personalentwicklung sein. Es reicht nicht, einmal ein PDF zu verschicken. Gute Formate arbeiten interaktiv – mit Rollenspielen, Erfahrungsberichten von Betroffenen, Simulationen sensorischer Überforderung. Besonders eindrücklich sind sogenannte NeuroLunches: informelle Austauschformate, bei denen Betroffene selbst erzählen, was sie brauchen, was sie stört, was sie wünschen.  

Führungskräfte tragen hier besondere Verantwortung. Sie müssen Vorbilder sein – nicht, indem sie perfekt sind, sondern transparent. Wer öffentlich darüber spricht, wie unterschiedlich Menschen arbeiten, wer individuell auf Bedürfnisse eingeht, wer Rückmeldungen einlädt und daraus lernt, verändert langfristig die Kultur. Und genau das ist das Ziel: Nicht Anpassung einzelner an die Mehrheit, sondern eine Kultur, die Unterschiedlichkeit selbstverständlich macht.

Inklusive Arbeitsgestaltung ist kluge Praxis

Am Ende bleibt die Erkenntnis: Inklusive Arbeitsgestaltung ist keine Gnade, kein Extra, kein Projekt für Menschen mit „besonderen Bedürfnissen“. Sie ist kluge Praxis. Sie verhindert Kündigungen, fördert Talente, stärkt Teams und verbessert das Klima – ganz konkret und ganz messbar. Wer heute beginnt, ein inklusives Büro zu schaffen, schafft die Grundlage für morgen. Für eine Arbeitswelt, in der alle arbeiten können – nicht trotz ihrer Verschiedenheit, sondern gerade wegen ihr. Und das Beste daran: Was für neurodivergente Menschen gut ist, ist meistens für alle besser. Weniger Lärm, mehr Licht, flexible Zeiten, Rückzugsmöglichkeiten – wer würde da wirklich widersprechen?