„Die Bürogestaltung ist auf einem Innovationsplateau gefangen“ – Ein Interview mit Markus Albers

Der Arbeitsexperte Markus Albers hat sich vom Verfechter der mobilen digitalen Arbeitswelt zu einem ihrer Kritiker entwickelt. Er fordert eine Transformation der Gestaltung heutiger Büros, die sich seiner Auffassung nach für die neue Arbeitswelt nicht mehr eignen.

von Guido Walter

GRAEF Office: Corona ist beinahe Geschichte, nach und nach kehren Menschen ins Büro zurück. Und doch ist nichts mehr wie zuvor. Studien zufolge schätzt etwa die Hälfte die lauschige Arbeit im Home-Office, während die andere Hälfte die Vermischung von Job und Privatleben und unregulierte Arbeitszeiten beklagt. Ist das Homeoffice ein Auslaufmodell?

Markus Albers: Es gibt einen gewissen Trend, der vom Homeoffice zurück ins Büro führt. Das hat verschiedene Gründe. Das eine ist, dass vielen Mitarbeitenden klar wurde, dass man am Küchentisch oder im Kinderzimmer nicht immer gut arbeiten kann und zu stark abgelenkt wird. Der Wunsch, zumindest einen Teil der Woche wieder im Büro zu verbringen, ist gewachsen. Auf der anderen Seite sagen auch viele Arbeitgeber, dass die Leute langsam mal wieder ins Büro zurückkommen sollen.

GRAEF Office: Was ist der Haken daran?

Markus Albers: Obwohl das Bedürfnis auf beiden Seiten da ist, sieht man viele leere Büros. Und warum sind sie leer? Weil sie sich so, wie sie jetzt gebaut sind, für die neue hybride Arbeitswelt nicht gut eignen. Ich sehe mir regelmäßig die Aushängeschilder moderner Bürogestaltung an, war zum Beispiel neulich im neuen Springer-Gebäude in Berlin oder den Büros von XING in Hamburg, beides zweifellos tolle moderne Büros. Und beide, ehrlich gesagt, ganz schön leer. Wenn die Leute nicht mal da hingehen, fragt man sich schon, woran das liegt.

GRAEF Office: Was ist deine Erklärung?

Markus Albers: Ich glaube, dass all diese noch vor Corona gestalteten Räume nicht gut in der neuen hybriden Arbeitswirklichkeit funktionieren.  Wir haben uns angewöhnt, synchron zu kommunizieren, also zeitgleich – und das vor allem in Form von Videokonferenzen, Teams, Zoom, Google Meet … Wenn ich jetzt mich aufraffe und aus dem Homeoffice in das Büro gehe, dann ist es egal, wie schön das Büro ist, wenn ich dort doch wieder den ganzen Tag in mein Laptop rede. Dann wird das Büro zum Call-Center. Dafür sind die meisten Büros aber nicht gebaut. Dazu bräuchte man Flächen, die aus lauter Telefonzellen bestehen – und wer würde da gerne hingehen.

GRAEF Office: Und diese Boxen werden im Unternehmen ja auch ungern genutzt. Oft sind die da, weil irgend jemand es beschlossen hat, dass die angeschafft werden müssen, ohne dass das vorher getestet zu haben.

Markus Albers: Ach, ich sehe schon, dass sie benutzt werden – aber eben aus der Not heraus, im Großraum keine Calls machen zu können, weil die Nachbarn auch die ganze Zeit reden. Aber ich gehe doch auch ins Büro, um Leute zu treffen, sich auszutauschen und ein Sozialleben zu haben. Wenn ich mich den ganzen Tag in eine Telefonzelle einschließe, um dort meine gewohnten Teams-Calls zu machen und dann abends wieder nach Hause gehe, dann hätte ich das auch im Homeoffice machen können. An der Stelle knirscht es. Darum müssen wir unbedingt wieder lernen, mehr asynchron zu kommunizieren, also per Mail, Chat, Miro, etc. Und wir müssen gleichzeitig die Büros, wie wir sie heute haben, überdenken. Sie eignen sich einfach für die neue Arbeitswelt nicht so gut – denn die Videocalls werden nicht wieder weggehen. Im Gegenteil: „Voice“, wie die Tech-Firmen das nennen, also unsere Stimme als Input, wird an Bedeutung noch gewinnen.

GRAEF Office: Was wären die wichtigste drei Punkte, die geändert werden müssen?

Markus Albers: Ich behaupte: Die Bürogestaltung ist auf einem Innovationsplateau gefangen. Ganz viele kluge Menschen machen sich seit Jahren Gedanken, wie das perfekte Büro aussehen müsste. Trotzdem nehmen die Leute das nicht richtig an. Darum war meine Frage, wie man dieses Innovationsplateau überwinden und ganz neue, überraschende Ideen entwickeln kann. Wenn in Büros künftig auch AI-Tools eine wichtige Rolle spielen werden, dann können wir doch einfach einmal die AI selbst zu dem Thema befragen. Dazu habe ich mit Chat GPT und Midourney versucht, Konzepte für neue Büros zu konzipieren und zu visualisieren. Dabei sind verschiedene Ansätze entstanden – drei fand ich am spannendsten:


Augmented Reality: Wenn AR-gestützte Geräte es den Mitarbeitern ermöglichen, digitale Objekte in Echtzeit zu visualisieren und zu manipulieren und so die Zusammenarbeit und Kreativität zu verbessern, erfordert dies die Gestaltung von Räumen, die AR-Technologien unterstützen können, und die Integration von AR-Geräten in die Arbeitsumgebung.

Voice Interaction: Mitarbeiter werden zunehmend über Sprachbefehle mit KI-gesteuerten Geräten interagieren. Dazu braucht es die Gestaltung von Arbeitsplätzen, die die Sprachinteraktion unterstützen, zum Beispiel dank Schalldämmung sowie akustischer Maßnahmen zur Minimierung von Lärm und Ablenkung.

Autonomous Mobility: KI-gesteuerte Roboter können Möbel und Geräte bewegen, dynamische Trennwände schaffen und Arbeitsbereiche reinigen und pflegen. Dies erfordert die Gestaltung von Räumen, die die autonome Mobilität unterstützen, zum Beispiel durch die Verwendung intelligenter Materialien und flexibler Konfigurationen.

Das sind alles Konzepte, die Chat GPP nach meiner Anleitung entwickelt hat. Und dann habe ich Midjourney genutzt, um diese Konzepte zu visualisieren. Dabei stellte sich  der dritte Ansatz als besonders spannend heraus: modular veränderbare Büros, in denen AI-gesteuerte Roboter die Möbel ständig neu gruppieren. Diese generierten Bilder sahen wirklich neuartig aus, auch ein bisschen verstörend – darauf wäre ein Mensch alleine nie gekommen.

GRAEF Office: Das Bild, auf dem die KUKA-Roboter an Schreibtischen saßen?

Markus Albers: Ob die Roboter von Kuka waren, weiß ich gar nicht – aber ja: Sie sahen so aus. Davon gibt es verschiedene Versionen. Auf einem Bild sah man modulare Möbel, die wie Puzzlestücke ständig neu im Raum angeordnet werden können. Offen gesagt: Vielleicht ist das auch totaler Quatsch – das sollen Expert:innen entscheiden, ich bin kein Designer. Aber mein Plädoyer wäre, dass diese vielen klugen Bürogestalter sich diese AI-Tools zu eigen machen, um auf radikal neue Gedanken zu kommen, um nicht immer im eigenen Saft zu schmoren und immer auf die mehr oder weniger selben Ideen zu kommen. Denn, mal ehrlich: All diese so genannten neuen Arbeitswelten, die derzeit entstehen, sehen schon ziemlich ähnlich aus. Fortschrittliche Architekturbüros wie Zaha Hadid machen das übrigens schon. Also wenn wir das Büro neu erfinden wollen, tun wir das vielleicht besser mit AI zusammen.