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Social Distancing in der Arbeitswelt

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Soziale Nähe ist lebenswichtig für unsere Psyche. Emotionale Zuwendung, aufmunternde Gespräche und auch neue Kontakte (über die Dating App oder ein neuer Kollege) geben uns ein Geborgenheitsgefühl, fördern Zusammenhalt und lassen uns die Corona-Krise besser meistern. Der Begriff Social Distancing wird daher nicht nur von der Gesellschaft, sondern auch von vielen namhaften Wissenschaftlern, Psychologen und Ärzten abgelehnt.

Im Leben und im Geschäft zählt derzeit primär eines: der richtige Abstand. Über Nähe und Distanz in Corona-Zeiten.

Physical Distancing in der Arbeit

Bis Corona hat der enge Kontakt in der Berufswelt Einzelgruppen noch zusammengebracht, auch in den öffentlichen Verkehrsmitteln oder mittags in der Cafeteria. Das wurde rapide unterbrochen. Persönliche Begegnungen sind wichtig für das gegenseitige Verstehen. Wissenschaftler sind besorgt, denn ihre Beobachtungen zeigen, dass es ein Land verändert, wenn Menschen, die ohnehin schon wenig miteinander zu tun haben, sich nicht einmal beiläufig treffen – außer vielleicht im Supermarkt.

Nähe – Distanz Dilemma

Diese Zeiten der Veränderung fühlen sich wie in eine Liebesbeziehung an: Mal gibts Nähe, mal Distanz. Das definiert auch die Nähe und Distanz unserer Beziehungen neu, ob privat oder geschäftlich. Wie viel Nähe und wie viel Distanz halten wir im Corona – Arbeitstag gerade aus? Sind Sie ein Distanzgegner oder Distanzfan? Einfach hinzunehmen ist das Gefühlschaos im Büroalltag genauso wenig wie in einer neuen Beziehung: Zu viel Distanz gilt gerade als steif, zu viel Nähe als übergriffig.

So sei es schon immer gewesen, schreibt der Philosoph Arthur Schopenhauer, der im Jahr 1851 in seinem Werk „Parerga und Paralipomena“, das Verhältnis zwischen Nähe und Distanz mit einer Parabel von Stachelschweinen beschreibt. Das Ziel aller Bemühungen von Stachelschweinen sei es, die richtige „mittlere Entfernung“ herauszufinden, bei der ein „Beisammensein bestehen kann“ (umgelegt auf die Geschäftswelt bedeutet das nicht zu viel ‚Bussi-Bussi‘ und nicht zu wenig Kommunikation und sozialer Austausch, da sonst die Wärme im Umgang mit anderen fehlt).  Das Mittel zu diesem Zweck, die ideale Distanz, nennt Schopenhauer „Höflichkeit und feine Sitte“, heute würden wir wahrscheinlich beides schlicht Anstand und Respekt nennen.

Schopenhauer meinte, man müsse in jedem Falle stets laut und vernehmlich Keep Your Distance! rufen, wenn jemand die Grenzen überschreitet und uns zu nah kommt. Das Bedürfnis „gegenseitiger Erwärmung“ könne auch beim Wunsch nach Nähe  „nur unvollkommen befriedigt werden“.

Das Herz ruft Nähe

Dabei wünschen sich unzählige berufstätige Menschen nichts sehnlicher, als ihren Arbeitskollegen und dem Chef physisch wieder nah zu sein. Sie alle haben allmählich genug von der Einsamkeit – oder den beengten oder chaotischen Zuständen – im Home Office. Sie möchten an ihrem Büroplatz sitzen oder einfach im Sichtfeld und Dunstkreis der Kollegen sein. Die Leute wollen ein 1-2-1 Gespräch mit den Menschen, die sie inspirieren, sie unterstützen und ein offenes Ohr für Ideen oder Problemchen anbieten. Viele sind der vielen Zoom-Meetings überdrüssig, die ein Dauergrinsen einfordern, weil aufgrund mangelnder atmosphärischer Präsenz die Stimmung des Gegenüber schwer einzuschätzen ist.

Der Kopf brüllt Distanz

Die Verunsicherung sitzt mitten im zweiten Lockdown tief: Wie kann ich mich an meinem Arbeitsplatz wohlfühlen, ohne mich dem Risiko einer Ansteckung mit dem Coronavirus zu sehr auszusetzen? Meine Freundin Mary hat sich vor einigen Wochen bei einem Meeting mit einem Kollegen in den Räumlichkeiten eines Pharmaunternehmens angesteckt – trotz Einhaltung der Abstände und maximaler Hygiene. Acht Leute wurden wenige Tage nach dem Meeting verständigt, sofort in Quarantäne zu gehen und einen Test zu  machen. Ihr Resultat: positiv. Auch ihr Mann wurde getestet: positiv. Meine Freundin war symptomlos; weil wir kurz nach ihrem Meeting gemeinsam Sport gemacht hatten, mussten auch mein Sohn und ich zum Test, der zum Glück negativ ausfiel. Trotzdem sitzt mir diese Geschichte in den Knochen.

Social distancing – Schilder informieren, sorgen aber auch für ein latent ungutes Gefühl.

Social(dis)Dancing

Social Distancing – nicht zu verwechseln mit Social Disdancing. Denn das fragt sich die darstellende Künstlerszene: Wie tanzen und singen wir die „neue Normalität“? Wie nah kann man sich auf Distanz sein? Und tanzt mit Übungen aus dem Neotantra, Volkstanz, Social Dance und der Achtsamkeitsmeditation eine Form von Freiheit. Gibt es hier eine Büro-Analogie? Ob Tänzer oder Innenarchitektin, es geht um die Befreiung von übrig gebliebenen Spannungen aus dem erzwungenen Distanzverhalten.

Kleidergrößen nehmen zu

Gefühle von Einsamkeit und physischer Distanz zeigen Konsequenzen in Form von Übergewicht, schreibt der klinisch arbeitende Psychologe J. Ryan Fuller. Bei der Computerarbeit im Home Office wurde schon im Frühjahr mehr gegessen als sonst; Essen als Seelenfreund für Alleinlebende und jene, die das verstärkte Zurückziehen mental mitnimmt. Schon der erste Lockdown hat in meinem Bekanntenkreis sichtbare Spuren hinterlassen. Im Sommer freuten sich die meisten dann über die wiedergewonnene Freiheit – mit Diätprogrammen wollte sich keiner quälen.

Home Office & Social Distancing – eine krankmachende Kombi

Die Langzeitfolgen der Corona Lockdowns sehen nicht nur auf den heimischen Waagen trist aus. Aus international durchgeführten Studien ist bekannt, dass sowohl Fremdbestimmung wie auch der Eindruck, von der Familie, Freunden oder Kollegen im Büro im Stich gelassen zu werden, den Blutdruck erhöhen. Die Folgen: Insulinresistenz, bauchbetonte Fettleibigkeit, gestörter Fettstoffwechsel. Das sind Risikofaktoren für Erkrankungen der Großgefäße, des Herzens und des Gehirns, Schlagwort Herzinfarkt und Schlaganfall. Die Auflistung der anderen vielfältigen Erkrankungen, die mit dem in der Corona Zeit weltweit beobachtetem Essverhalten (hochprozessierte Nahrung mit langer Haltbarkeit) in Verbindung gebracht werden, erspare ich Ihnen.

Entspannung macht schlank

Die Conclusio unzähliger Studien und Aussagen vieler Experten sagt klipp und klar: Stress füttert Fettzellen. Stress macht dick. Nun, das wussten wir schon vor Corona. Nur ist allen klar, dass die Corona-Pfunde schwerer loszuwerden sind. Daher lautet das Motto: Entspannen Sie sich. Meditieren Sie. Essen Sie nur frische Lebensmittel – keine Sorge, das Essen in den Lebensmittelläden wird nicht knapp. Sie müssen keine Lebensmittel mit Ablaufdatum 2024 kaufen. Vollkornprodukte, fetter Fisch, Bananen und Joghurt können die Stimmung heben und Ihre Hirnaktivität verbessern. Früchte, Gemüse und mageres Eiweiß schützen vor depressiver Stimmung. Achten Sie auf Ihren Darm, der das Kraftwerk unseres Körpers ist. Mein Tipp: Trinken Sie Flohsamenschalen.

In den auf uns zukommenden Monaten wäre es fatal, wenn sich das Gefühl des social distancing in unser Denken einnistet, selbst dann, wenn physische Nähe wieder möglich ist. In der Bewältigung der ökonomischen wie auch medizinischen Folgen der aktuellen Krise werden wir auf soziale Nähe angewiesen sein.

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