Licht à la carte – LOBMEYR im Portrait

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Letzten November war die Welt in Wien noch in Ordnung. Enthusiastischer ist die Grundstimmung in der Stadt der Grantler, Jammerer und Träumer nicht. Ins Schwärmen kommt der Durchschnittswiener erst, wenn sich alles um sein Seelenheil, den Alltagsgenuss, dreht. Was Tradition, Innovation und Geschmack mit dem österreichischen Glaswaren- und Lusterhersteller Lobmeyr zu tun hat, erfahren Sie im Interview mit Johannes Rath, Familienunternehmer in 6. Generation.

Fluch oder Segen?

Herr Rath, ist es eher Fluch oder Segen, in so eine berühmte Familie geboren worden zu sein?

Johannes Rath: „Kein Fluch. Ich sah im Erbe eine spannende Aufgabe und habe die Verantwortung gerne übernommen.“

Viele Menschen kennen ihre Urgroßeltern nicht. Ihre Ahnengeschichte reicht auf Wikipedia bis zum Gründer der Dynastie, Josef Lobmeyr, im Jahre 1823 zurück. 200 Jahre Familiengeschichte. Erzählen Sie uns bitte von Ihrer Familie.

Johannes Rath: „Josef Lobmeyr wurde Ende des 17. Jahrhunderts in Oberösterreich geboren. Er war Glasermeister und hatte berufliche Ambitionen, denn er gründete 1823 das Unternehmen Lobmeyr in Wien. In der Hauptstadt konnte er dem Kaiser und dem Adel nahe sein. Diese wurden dann tatsächlich auf ihn aufmerksam. Eines seiner bedeutendsten Werke für den kaiserlichen Hof war das Hofburg-Service, das er 1835 für die K&K Hoftafel entwarf.

Das „Hofburgservice“ wurde von Lobmeyr erstmals um 1835 für die Wiener Hoftafel ausgeführt. Das Service wird bei besonderen Empfängen des Bundespräsidenten noch heute verwendet. Foto: Lobmeyr

Das war der Ursprung für unser nach wie vor gültiges Business Konzept des Glasverlegers. Wir hatten nie Glashütten, sondern haben immer nur entworfen und mit unterschiedlichen Produzenten, die aus dem Raum Böhmen und Mähren stammten, zusammengearbeitet. Das Geschäft haben seine zwei Söhne 1855 übernommen, Josef und Ludwig. Josef war der Kaufmann, Ludwig der Kreative. Während Josef früh verstarb, lebte Ludwig lange, war aber kinderlos. Er vererbte die Firma dem Sohn seiner Schwester Mathilde. Seit 1917 ist das Geschäft in den Händen der Familie Rath.“

Wenn der Kunde Kaiser ist

Ludwig hat J. & L. Lobmeyr zum k&k Hoflieferanten gemacht. Er hat Kristallluster für die Wiener Hofburg, Schloss Schönbrunn und das Schloss Herrenchiemsee in Bayern geliefert. Dort hat er den Spiegelsaal für Thronfolger Ludwig II. ausgestattet. Lobmeyr war übrigens auch Hoflieferant für Kaiser und Könige aus Bayern, Serbien, Griechenland, Belgien und Bulgarien.

Ludwig war wohl auch ein guter Netzwerker?

Johannes Rath: „Ja, er war ein sehr angesehener Ehrenbürger in Wien. Im Nachruf einer Tageszeitung aus dem Jahr 1917 stand, dass er ein ‚Genie der Geselligkeit‘ war. Er habe als ‚Gastgeber mit Herzenshöflichkeit stets Tausende von Gästen in seinen Häusern willkommen geheißen‘. Mich faszinierte sein Streben nach Innovation, die Fähigkeit, Trends zu setzen. Das Unternehmen, das er aufbaute, war immer die Speerspitze der Avantgarde.“

Lobmeyr Geschäft in der Kärntner Strasse in Wien um 1823 – Zeichnung: Lobmeyr

Lobmeyr – das Aushängeschild Österreichs

„Wir waren einer der ersten Herzeige- und Referenzbetriebe Österreichs während der Monarchiezeit und daher auch in den Weltausstellungen groß vertreten. Bei der Weltausstellung von Chicago 1893 hat der Lobmeyr Stand die halbe Fläche, die Österreich zugeteilt war, ausgemacht. Große Ausstellungen waren damals der letzte Schrei. Für die ‚edle Gesellschaft‘ war es wichtig, dass die Welt zu ihr kommt, deshalb war die Ausstellung damals ‚das Marketing- und Werbetool‘“, erzählt Johannes Rath.

J. & L. Lobmeyr Stand bei der Weltausstellung – Foto: Lobmeyr

Lobmeyr und Edison erhellen die Welt

Thomas Alva Edison hat damals in Wien seine Glühbirne vorgestellt. Es war bekannt, dass der Kaiser aufgrund diverser Brandkatastrophen Angst vor Feuer hatte. Er wollte keine Gasbeleuchtung in seinen Räumlichkeiten. Seine Erwartungen an elektrisches Licht waren hoch, daher hat er die elektrische Ausstellung in Wien gesponsert.

Johannes Rath berichtet: „Ludwig Lobmeyr hat angeblich Thomas Edison zur Seite genommen und meinte: ‚Wir sollten aus Ihren kleinen hässlichen Glühbirnen etwas Prunkvolles machen. Wir werden einen Luster dafür entwerfen.‘ In der Frühphase bestand der Prototyp der Glühlampe nur aus zwei unschönen Drähten. Die typische Schraubfassung gab es damals noch nicht, die kam erst gegen 1880.“

1882 entwarf Ludwig Lobmeyr den ersten elektrifizierten Kristallluster. Er erhielt den Auftrag, die Redoutensäle der Hofburg mit den ersten großen elektrischen Lustern der Welt auszustatten. Er tat dies in Zusammenarbeit mit Thomas Edison.

Der erste elektrische Kristallluster von Lobmeyr – entwickelt mit dem Erfinder der Glühbirne, Thomas Edison – Fotos: Lobmeyr

Die Kundschaft aus dem Geschichtsbuch

Die Kundschaft Ihrer Familie liest sich wie aus dem Bilderbuch, oder besser gesagt, aus dem Geschichtsbuch. An wen hat Lobmeyr damals primär verkauft?

Johannes Rath: „Das Geschäftsmodell bestand aus drei Säulen. Erster Auftraggeber war der Kaiserhof, der zweite die Privatwirtschaft, wie das Hotel Sacher. Der dritte Auftraggeber war der politische Zweig, wie das Rathaus in Wien. Dort haben wir die Prunkräume des Bürgermeisters mit Lustern ausgestattet. Wir waren damals ein Weltkonzern. Unsere Luster hingen in Amerika, im arabischen Raum, in Afrika, wie im Königspalast in Ägypten. Viel später, in den 1950er Jahren haben wir in Addis Abeba den Palast für den letzten Kaiser von Abessinien, Haile Selassie, ausgestattet. Wenn ich als 18jähriger im Geschäft gestanden bin, und mich die Leute gefragt haben: ‚Wer ist denn Ihr berühmtester Kunde, kenn‘ ich den?‘ Da habe ich manchmal trocken geantwortet: ‚Ja, Jesus Christus.‘ In der Religion der Rastafari wurde der Kaiser von Äthiopien, Haile Selassie nämlich als Reinkarnation von Jesus Christus gesehen. Das war eine etwas kecke Aussage, aber als 18jähriger… (lacht).“

Lobmeyr Luster im berühmten Hotel Sacher in Wien – Foto: Lobmeyr

Die Home-Base der Lobmeyr Luster

Sie sitzen hier in einem sehr prunkvollen Ausstellungsraum eines Biedermeier Hauses. Die Werkstätten und der Keller, in dem Schätze aus vielen Generationen von Lusterproduktionen liegen, sind atemberaubend. War die Produktion schon immer hier?

Johannes Rath: „Nein. Dieses Haus hat eine mindestens 180jährige Geschichte, die sich ums Licht dreht. Aber das Haus gehörte lange, bevor wir einzogen, der Firma Zahn. Das war ein wichtiger Produktions- und Vertriebspartner für uns. Da die Nachkommen des Firmeninhabers kein Interesse zeigten, die Firma weiterzuführen, haben wir sie gekauft. Der Wunsch des Eigentümers war, dass mein Vater Stefan Rath die Geschäftsführung des Luster-Geschäfts übernimmt. Nach dem Zweiten Weltkrieg ist die gesamte Produktion nach Wien gewandert und in das Haus hier in der Salesianergasse 9 in die ehemaligen Showräume eingezogen.“

Kundentreue trotz schwerer Krisen

Wie schafft es ein Unternehmen, über 6 Generationen am Leben zu bleiben?

Johannes Rath: „Prestige, gutes Image, treue Kunden und vor allem der Willen der Eigentümer, diese Firma auch im kleinen Rahmen, also als Klein- und Mittelbetrieb und als Handwerksfirma zu führen. Den Mut zur Kleinheit bot die Chance, eine flexible bewegliche Einheit zu haben und auf die Bedürfnisse der Kunden eingehen zu können. Mit der Größe werden Economies of Scale und Economies of Scope Strategien wichtig, damit man optimierter produzieren kann. Wir sind bewußt klein und fokussieren auf Einzelanfertigung und müssen keine Rohteile einkaufen. Sogar die kleinsten Teile stellen wir so her, wie sie in den historischen Plänen verlangt werden.

Es gibt z.B. die berühmten Wiener Biedermeier Luster – da werden die Arme an das Gestell mit quadratischen Muttern montiert. Da kommen keine handelsüblichen Sechskantmuttern zum Einsatz. Wir brauchen quadratische und machen uns die eben selber. Bei uns ist Authentizität wichtig. Es werden keine Kompromisse in der Gestaltung gemacht, um die Produktion einfacher oder billiger zu machen.“

Wenn Dein Produkt zum Wahrzeichen einer Weltstadt wird

Welches Design hat Lobmeyr in der Neuzeit berühmt gemacht?

Johannes Rath: „1963 wurde Lobmeyr mit der Beleuchtung der Metropolitan Opera in New York beauftragt. Mein Großvater Hans Harald Rath hat eine asymmetrische Lichtskulptur konzipiert, die liebevoll unter dem Namen „Starburst“ bekannt wurde. Das ist unser berühmtester Luster. Zur Inspiration des Met-Lusters dienten die ersten hochqualitativen Fotografien von stellaren Objekten, Sternen und Supernoven. Es ist nicht nur die optische Präsentation einer Galaxie. Die große Kugel in der Mitte repräsentiert den Urknall; nach aussen hin explodieren die Sterne in alle Richtungen. Der große Starburst-Luster hängt im Auditorium, und ist für jeden New Yorker und jeden Besucher von weitem sichtbar. Der Met-Luster ist zum heimlichen Wahrzeichen der Stadt New York geworden.“

Der Met-Luster sieht überall elegant und zeitlos aus, ob im Indoor-Poolbereich eines Hotels, im eigenen Badezimmer oder im Büro. Foto: Lobmeyr

Jedem Kaffeehaus sein Lobmeyr Luster

Johannes Rath fährt fort: „Auch Designer wie Josef Hoffmann und Oswald Hertl haben unsere Luster bekannt gemacht. Früher hieß es, dass in Wien kein Kaffeehaus aufgesperrt hat, ohne dass der Eigentümer vorher beim Lobmeyr war.“

Lobmeyr Luster im Café Prückel in Wien – Design: Oswald Hertl. Copyright Foto: Wolfgang Thaler

Welche Lichtinnovation führt Lobmeyr in die Zukunft?

Johannes Rath: „Nun, wir haben die ersten elektrischen Luster entwickelt, die ersten Luster mit Neonröhren, die ersten zeitgenössischen islamischen Metalldampflampen. Bei der Verwendung der LED haben wir uns Zeit gelassen, weil die Qualität lange nicht unseren Vorstellungen entsprochen hat. Wir haben einen LED Luster namens The Knight entwickelt, bei dem es nicht primär ums Design geht. Es geht um die Funktion. Wir haben das Licht, in getrennten Stromkreisen, nach unten und oben positioniert. Einerseits kann damit der Raum nach oben hin beleuchtet werden, anderseits die Fläche unter dem Luster.

Lobmeyr ‚The Knight‘ – Design: Marco Dessí, 2019 – Foto: Lobmeyr

Die technische Innovation ist, dass wir die Lichtfarbe zwischen Kerzenlicht und Tageslicht einstellen können. Im Büro kann ich damit den Raum auf der einen Seite in gemütliches Licht tauchen, während ich Tageslicht auf meine Finanzplanung scheinen lasse. The Knight lässt sich entweder über eine App für mobile Geräte steuern, als auch über Haussteuerungssysteme, wie Dali oder Dmx. Wir haben die Einzeltöpfchen des Lusters so designt, dass sich die Form modular verändern lässt. Damit kann ich den Luster z.B. an die Konturen der Theke in der büroeigenen Bar entlang schlängeln lassen.“

Ein Luster im Büro-Foyer

Wenn ich einen aufwendig entworfenen Luster im Stil von Lobmeyr im Foyer von Büros oder über der Theke von Geschäftslokalen sehe, berührt mich das. Ich kann die Gefühle schwer beschreiben. Was löst ein Luster im Foyerbereich aus?

Johannes Rath: „Der Luster war immer schon ein Repräsentationsobjekt. In seiner Frühform bis ins 18./19. Jahrhundert hinein, war der Luster ein Träger für Kerzen. Kerzen waren in der noblen Gesellschaft ein Symbol für Reichtum, weil Kerzen teuer waren. Je mehr Kerzen Du am Luster hattest, desto beeindruckter waren die Gäste.

Kerzen galten auch für Dienstboten als Entlohnungsform. Sie durften sich nach höfischen Festen die Kerzenreste mit nach Hause nehmen. In der Nacht war es früher finster. Licht machen war eine aufwendige, stinkende und rauchende Geschichte. Das hat sich erst durch die Gasbeleuchtung in der Mitte des 19. Jahrhunderts, aber erst so richtig mit dem elektrischen Strom Ende des 19. Jahrhunderts geändert.

Der Luster – Vermittler und Botschafter

Der Luster barg auch eine heraldische Symbolik. Luster hatten wie Wappenschilder – da gibt es auch eine eigene Wissenschaft, welche Elemente auf Wappen vorkommen, wie Tiere, Landschaften oder Menschen – eine Bedeutung und bestimmte Aussage. Auch der Luster war ein Symbolträger, der eine Botschaft transportierte. Diese Bedeutung ist in der Neuzeit verloren gegangen. Was aber blieb ist sein Fokuspunkt in der Architektur. Der Luster ist nach wie vor – wenn die Qualität passt – ein Statussymbol für Pracht, Luxus und Handwerkskunst.

Wenn wir ein komplettes Projekt, wie ein Büro ausstatten, dann erzählen wir mit der Auswahl der Beleuchtungskörper auch eine Geschichte. Damit sie für den, der die Räumlichkeiten betritt, eine gewisse Dramaturgie darstellen. Das reicht vom Bereich vor dem Haus, bis ins Foyer, den Arbeits- und Aufenthaltsbereich bis in die Konferenzräume.“

Der beste Eindruck entsteht schon im Foyer

Jedes Jahr im November öffnet für kurze Zeit ein ‚Pop-Up‘ Restaurant eines bekannten burgenländischen Gourmet-Tempels in Wien. Für das von Feinschmeckern ungeduldig erwartete Genusserlebnis suchten Geschäftsführerin Barbara Eselböck und Chefkoch Alain Weissgerber einen einzigartigen Rahmen. Im Hotel Donauhof, einem ehrwürdigen Hotel aus der Belle Epoque des 19. Jahrhunderts, zauberten sie eine Symphonie der Sinne für ihre Gäste. Vom Entrée des Restaurants, das durch ein Spalier von sechs Met-Lustern aus dem Hause Lobmeyr bestach, bis zum prächtigen Ballsaal, der als Bühne für ein Zusammenspiel zwischen Kunst und Kultur diente.

„Uns war wichtig, die Gäste schon im Eingangsbereich auf ein kulinarisches Bühnenstück vorzubereiten“ sagt Barbara Eselböck, „das gelang mit den Lustern, die Lobmeyr für die Oper in New York entworfen hatte, wunderbar.“

Lobmeyr ‚Making an Entry‘ im Pop-Up Restaurant Taubenkobel im Donauhof – Fotos: Lobmeyr

Das Foyer, als erster Kommunikationsort der Bühne, die sich zwischen dem öffentlichen Raum und der Geschlossenheit des inszenierten Raumes auftut, ist Lobmeyr in seiner Inszenierung stets wichtig. Es ist der erste Eindruck eines Raums. Dieser Moment, in dem sich die Sinne für das Unbekannte öffnen. Wenn dieser Moment begeistert, wird das Gefühl durch das Erlebnis hindurch getragen und manifestiert sich in einer Erinnerung.

Der Lobmeyr Call to action

Johannes Rath ist der handwerkliche Aspekt seines Business besonders wichtig: „Wir brauchen Leute, die uns die Möglichkeit geben, diese traditionellen Techniken, die wir für unsere Luster verwenden, weiterhin anzuwenden. Wir sind an der Schwelle, wo viele Handwerker junge Leute nicht mehr ausbilden können.

Wir stehen kurz vor der nächsten Pensionswelle, wo viele Kulturtechniken und Errungenschaften der Menschheit verloren gehen. Es gibt kaum noch Kunden, die Designern und Produzenten die Möglichkeit geben, ihre Techniken gewinnbringend und finanziell verwertbar anzuwenden. Wenn man das nicht für die Kunden machen kann, kann man es gar nicht mehr machen – dann geht dieses Handwerk verloren.“

Making Of des Lusters ‚Script‘

Lobmeyr Video, das die Geschichte des Hauses Lobmeyr und die Kollaboration mit Swarovski zeigt

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