Kreativität – Muss man haben

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Kreativität gilt als zentrale Zugmaschine unseres modernen Wirtschaftssystems. Wie erfolgreich sich ein Unternehmen am Markt beweist, zeigt sich an seinen marktfähigen Innovationen. Das können neue Produkte und Services sein, die Konsumwünsche erfüllen oder – noch besser: die Lebensqualität verbessern.

Wer kreativ ist, gilt als Garant für den Erfolg. Daher wird ‚Kreativität‘ beim Jobinterview gefordert; Koste es, was es wolle. Wiki listet Kreativität als Fähigkeit auf, etwas zu erschaffen, was neu oder originell und dabei nützlich oder brauchbar ist.

Bedauerlicherweise ist das Wort ‚Kreativität‘ mittlerweile zur Floskel degradiert. Dabei liegt die Grundintension und Hoffnung derer, die sich des Wortes bedienen, in einem harmonischen Zusammenspiel von Begabungen, Wissen, Können, intrinsischer Motivation, Persönlichkeitseigenschaften und unterstützenden Umgebungsbedingungen. Ob Kreativität, die zur Lösung einer vorgegebenen Aufgabe erforderlich ist oder schöpferischer Kreativität, die der Erkundung künftiger Möglichkeiten dient – Hauptsache ‚kreativ‘.

Kreativität zum Selbstzweck

Die Anforderung des ‚Allround-Kreativsein‘ resultiert nicht im ökonomischen Fortschritt; die Entwicklung neuer Produkte und Dienstleistungen wird immer mehr zum Selbstzweck. Es geht nicht um den Fortschritt oder bahnbrechende nachhaltig weltverändernde Erfindungen; sondern lediglich um „immer neue sinnliche und emotionale Reize um ihrer selbst willen“.

Kein Wunder also, dass sich die Repräsentanten der Wirtschaftsnetzwerke wünschen, die Kreativität methodisch-effizient aufzustellen. Das beweisen nicht nur die vielen Ideenworkshops und Kreativitätsmethoden seit den 90er Jahren. Das beweist auch der Hype um den Siegeszug des Design Thinking. Diese Methode verspricht Unternehmen eine ‚intuitive‘ und schnelle Ideenfindung – damit wir das, was wir früher nur mit Künstlern und Kreativen in Verbindung brachten, zur ökonomisch   ‚kultivierbaren‘ Quelle wird.

Kreativität im Büroalltag

Die Werbebranche liebt Kicker, andere mögen ein Bällebad. Die dritten sind ganz verliebt in ihr stylisches Bürodesign. Die spielerische Haltung im Büro hilft zwar bei der Freisetzung kreativer Potenziale, die Kreativität, die daraus erwächst, ist jedoch kein Instrument zur Gewinnmaximierung. Oje, werden Sie jetzt denken. Aber keine Sorge; Die kreative Herangehensweise im Büro ist die Wurzel sinnerfüllter Innovationen.

Dann kommt Workshopleiter Leo, der hunderte bunte Plastik-Spielzeugteile auf die Arbeitsplatte knallt oder Josef, der bunte Büros à la Google mag, und schon stehen die Erwartungen Kopf. Durch den Einsatz von Kreativitätstechniken, wie der soeben erwähnten kommen übrigens nur ein schlappes Prozent der neuen Produkt- oder Serviceideen zustande. Um die übrigen 99% abzuholen, braucht es viel mehr als ein bunt designtes Wohlfühlbüro.

Der kreative Tunnelblick

Der Tunnelblick auf Kreativitätstechniken und Design Thinking Methoden macht das Selbstdenken zu oft obsolet. Langsam kommt sie nun, die Suche nach den individuellen Potenzialen und Talenten der Mitarbeiter. Eine größere Herausforderung scheint zu sein, diese Potentiale dann in den unternehmerischen Alltag einzubeziehen.

Anstelle Kreativität als Mantra „Alle sollen kreativ sein“ zu proklamieren, ist es ratsam zu fragen: Wie können wir sinnvoller, nachhaltiger und gewinnorientierter mit unseren kreativen Ideen umgehen? Wo macht der kreative Prozess Sinn – und wo nicht?

Freiräume schaffen

Kreativität braucht vor allem eins: Muße. Nicht ohne Grund kommen die besten Einfälle im Urlaub, beim Duschen oder Joggen. Stress durch hohe Arbeitsbelastung und Ablenkung durch Kollegen sind dagegen wahre Kreativitätskiller. Wer unkonventionelle und revolutionäre Ideen erwartet, sollte die entsprechenden Freiräume dafür schaffen. Das heißt nicht, dass Sie in ein unternehmenseigenes Massage-Studio oder Fitnessstudio investieren müssen. Wenn die Mitarbeiter einen Teil ihrer Arbeitszeit in neue Ideen stecken und selber entscheiden könnten, wo und wie sie das machen, wäre das der richtige Weg.

Kreativität belohnen

Wenn neue Ideen positive Veränderungen im Unternehmen bewirken, sollten sie honoriert werden. Das können simple Goodies sein. Das können ungewöhnliche Ausflüge mit dem ganzen Team sein. Das kann aber auch die Bezahlung einer Ausbildung sein, die sich der Mitarbeiter oder die Mitarbeiterin wünscht. Damit drücken Sie Ihre Wertschätzung aus und motivieren die Mitarbeiter. Loben Sie kreative Anstrengung stets, selbst wenn eine Idee nicht umgesetzt wird.

Krisen triggern kreative Ideen

Die Analyse von Krisen hat gezeigt, dass diese ein hohes Maß an Kreativität freisetzen. Unternehmen melden, dass in kurzer Zeit ganz neue digitale Geschäftsmodelle entstanden sind. Restaurants quer über den Erdball haben auf Lieferservices umgestellt, Läden ohne Onlineshop sind fast über Nacht digital geworden. William Shakespeare meinte: „Die Kunst der Not ist wundersam: Sie macht selbst Schlechtes köstlich.“ Der Benefit der Krise – nicht alles ist schlecht, was uns durch die Pandemie passierte. In manchen Bereichen hat sie uns ohne Zetern und Jammern in die Zukunft gehievt.

Die Chefs der Nation seien jedoch gewarnt: Druck und Stress, Angst und Unsicherheit blockieren den kreativen Flow. Aus einer Mannschaft von Sachbearbeitern auf Knopfdruck preisgekrönte Kreativdirektoren machen zu wollen, wird nicht funktionieren. Wer aber selbst untrainierten Brainstormern einen Möglichkeitenraum für neue Ideen bietet, wird irgendwann die gewünschten Resultate sehen. „Die Kreativität des Menschen ist das wahre Kapital“, sagte Joseph Beuys. Damit sollte jede Präsentation an Vorgesetzte und Investoren beginnen.

Suche: Kreative Mitarbeiter – pssssst!

Die ständige Rede von der Kreativität kann zur Belastung, Überforderung und zum Dauerstress führen. Anstelle kreatives Handeln einzufordern, sollte die Auseinandersetzung mit handwerklichen Fertigkeiten, historischen Themen, literarischen, musikalischen, bildnerischen und darstellerischen Angeboten schon in der Schule beginnen. Diese sollten immer im Connex mit dem Menschen, der vor einem sitzt, erforscht und auf sie/ihn angepasst werden.

Also, fördern Sie Kreativitätaber nicht unter dem Label der Kreativität.

Kreativität im Kollektiv: Foto-Danielle-MacInnes

Lesen Sie auch diesen Blog, in dem es um die Zukunft der Bürofläche geht: https://graef-office.de/blog/flaeche-neu-gedacht/

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