Fläche neu gedacht

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Wenn wir den Blick über den Tellerrand der aktuellen Virus-Krise lenken, empfangen wir unklare Bilder der Zukunft. Was wir aber wissen: Vieles wird sich ändern. Die Corona-Krise bietet die Gelegenheit, grundsätzliche Fragen zu stellen: Wie wollen wir in Zukunft arbeiten? Wie wird die ‚Fläche‘, auf der sich das Büroleben im Kollektiv abspielt, verändern? Oder werden Büros gar obsolet?

Die Blütezeit der Achitektur

Der Architekturkritiker Niklas Maak glaubt, dass wir an einem entscheidenden Punkt der Entwicklung der Städte sind. Im NDR-Interview sagt er: „Wir haben lauter Gebäude, die zu nichts mehr nütze sind. Bürotürme, Einkaufszentren, Postämter stehen alle rum und werden durch Digitalisierung und Robotisierung irgendwann überflüssig. Wenn wir uns aber fragen, was man mit diesen Gebäuden alles machen kann, entstehen wirklich spannende neuen Lösungen.“

Maak arbeitet mit seinen Studenten in Harvard daran, leerstehende Einkaufszentren oder überflüssige Büros umzubauen und Pläne für ganz neuartige Nutzungen zu entwickeln. Er ist optimistisch, dass wir auf eine Blütezeit der Architektur zusteuern.

Arbeitsräume verändern sich

Welche Szenarien und Räume können wir uns für die nächste Generation des Arbeitens im Kollektiv vorstellen? Wie können wir Arbeitsumgebungen und -erfahrungen antizipieren und formulieren, die produktiv, menschlich und ökologisch verantwortlich sind? Ob wir Objekte produzieren, Ideen generieren, Prozesse verwalten oder Dienstleistungen erbringen – Arbeit ist eine Mischung aus Engagement und Entfremdung, Verantwortung und Kontrolle. Wenn sich die Fläche verändert, ändert sich auch die Art und Weise, wie wir arbeiten und wie wir uns dabei fühlen.

Da noch immer viele Arbeitsplätze veraltet sind und die Bevölkerung unter dem Druck der Pandemie aus den Büros vertrieben wurde, verschieben sich die Grenzen des Arbeitsplatzes räumlich und zeitlich. Der Arbeitsplatz ist überall – oder nirgendwo?

Innovationstreiber New Work

Das Zukunftsinstitut spricht von Megatrends, die im Epizentrum des Corona-Desasters stehen. Megatrends, die sich in den kommenden Jahren als wahre Innovationstreiber herausstellen werden. Einer, der uns besonders betrifft, wird zum Change-Motor unserer Gesellschaft und Wirtschaft. New Work. Die Frage, wie und wo wir arbeiten, verhandelt sich nun im Sekundentakt. Gerade wird viel beraten darüber, wie die neue Arbeit nach der Krise aussehen könnte. Und wie wird die Fläche geplant, auf der sie agiert? Ich spreche darüber mit Martin Rodeck, Executive Managing Director EDGE Deutschland und Alexander Breustedt, CEO von GRAEF.

Die Krise hat uns 5 Jahre in die Zukunft katapultiert

Auf welche Faktoren kommt es nach der Corona-Krise bei der Gestaltung der Büro – Fläche an? Alexander Breustedt: „Auf die gleichen wie vor der Krise: auf die Bedürfnisse der Menschen und des Unternehmens. Beide finden sich in der richtigen Balance bei der Gestaltung einer Bürofläche wieder. Das Konzept unterscheidet sich von Unternehmen zu Unternehmen teilweise massiv. Corona hat die Akzeptanz für Technologie erhöht und schnell Möglichkeiten und Grenzen der Zusammenarbeit aufgezeigt. Die Pandemie hat die Entwicklung der Art und Weise von Büroarbeit um 5 Jahre beschleunigt.

Martin Rodeck: „Ein großer Teil des Gebäudebestands entspricht nicht mehr dem veränderten Bedarf. Ich erwarte mir nun ein große Innovationswelle. Ich kann mir nicht mehr vorstellen, dass wir zukünftig Meeting-Räume planen, in denen es zum Beispiel keinen voll ausgestatteten großen Screen gibt – mit exzellentem Ton, einer guten Videokamera und komplett vernetzt mit allen Tools, so dass alle Teilnehmer gleichberechtigt am Meeting teilnehmen können. Egal, ob sie im Büro sind oder sich von außen dazu schalten. Denn die Leute werden sich zukünftig viel stärker überlegen, ob sie für zwei Meetings überhaupt ins Büro kommen.“

Wie verändern sich der Bedarf und die Nutzung der Büro-Fläche in den nächsten 5 Jahren? Breustedt: „Grundsätzlich gehen wir davon aus, dass zwischen 15 und 30 Prozent Fläche eingespart werden. Der Grund ist simpel. Es halten sich weniger Mitarbeiter im Büro auf. Von denen, die da sind, benötigt nicht jeder einen Schreibtisch für die Arbeitsaufgabe. Die verbleibende Fläche im Büro dient vor allem der Zusammenarbeit, dem Austausch und als Anker, – wofür es das Unternehmen überhaupt gibt.“

Das Problem der Flaschenhälse

Welche Konsequenz hat die Veränderung der Arbeitskultur in Organisationen auf die Fläche? Martin Rodeck: „Wir haben bereits vor der Covid-19 Krise Büros gebaut, die flexibel genutzt werden konnten. Die intelligente Infrastruktur bietet Remote- oder Home-Office Anwendungen. Bei der Analyse von Schwachpunkten in unserem Office haben wir erkannt, dass Abstand halten auf der allgemeinen Bürofläche nicht das Problem ist. Das Problem sind Flaschenhälse, also beispielsweise der Ein- und Ausgangsbereich oder Räume wie eine Teeküche – Orte also, an denen Menschen eben nicht ihrer eigentlichen Arbeit nachgehen.

An diesen Engpässen kommt man auch baulich kaum vorbei. Man kann aber die Nutzung anders organisieren. Es geht also eher um das Verhalten und nicht zwingend um eine bauliche Anpassung. Darüber hinaus haben etwa die klassischen Teeküchen nur deshalb diesen Meetingpoint-Charakter, weil es in herkömmlichen Büros dazu kaum Alternativen gibt. Wir hingegen haben stets Gemeinschaftsflächen geschaffen, an denen man sich wohl fühlt, weil man sich mit ausreichend Luft und Raum entspannt treffen kann.“

Das bessere Gebäude möge gewinnen

Wie sieht ihre Vision vom Büro der Zukunft aus? Rodeck: „Die Menschen vermissen den sozialen Kontakt nicht nur in ihrem Privatleben, sie wollen ihre Teamerfolge auch wieder feiern. Wir müssen unseren Mitarbeitern einen sicheren und gesunden Raum und eine einladende Umgebung bieten. Ein besseres Gebäude ist ein großartiges Instrument im „War for Talents“.

Gesunde Gebäude bedeuten somit einen Gewinn sowohl für den Investor als auch für die Nutzer und die Gesellschaft als Ganzes. Die schon vor Covid-19 steigende Nachfrage nach gesunden, sicheren und attraktiv designten Büroflächen zeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Wenn sich dieser Wandel nun beschleunigt und auch andere Projektentwickler stärker in diese Richtung arbeiten, ist das gut.“

Eine attraktive Fläche für die großen Talente – EDGE Südkreuz Berlin, die größte Holz-Hybrid Konstruktion Deutschlands wird 2021 fertiggestellt. Bildrechte EDGE -Bloomimages

Das Office mit Campus-Charakter

Was halten Sie von der Büro – Fläche mit Campus-Charakter? Breustedt: „Die meisten Unternehmen profitieren von der Vielfältigkeit in jeder Hinsicht – auch die Mitarbeiter. Ein Campus fördert Vielfältigkeit. Vor allem wenn Gemeinschaftsflächen gut gemacht und mit entsprechenden Services betrieben werden, fördern sie den gewünschten Austausch. Die Zusammensetzung von Unternehmen und Branchen auf einem Gelände spielt eine zentrale Rolle am Campus. Die Idee der Zusammensetzung ist schon ein Geschäftsmodell für sich.“

Rodeck: „Zum grundlegenden gestalterischen Konzept unserer Büroflächen gehören immer große und attraktive Community-Bereiche, die die Kommunikation der Mitarbeiter fördern. Zudem favorisieren wir offene, hybride Bürostrukturen. Aber selbstverständlich muss die Bürostruktur organisatorisch-kulturell zu den jeweiligen Nutzern passen. Es gibt ja durchaus Unternehmen, für die eine geschlossenere Struktur wichtig ist. Insgesamt geht der Trend aber zum Campus-Charakter, schon allein deshalb, weil er kreativitätsfördernd wirkt und Teamarbeit erleichtert.“

Wenn die Konkurrenz im Shared Space aufeinandertrifft …

… „sollten die Unternehmen bereit sein, Wissen preiszugeben und Kapazitäten zusammenzulegen.“ sagt Breustedt. „Sind die Spielregeln definiert, kooperieren Unternehmen oft über einen begrenzten Zeitraum. Die Fläche muss dann alle möglichen Formen der Kollaboration (Scrum/Design Thinking/Vision/Workshop/Labor/Werkstatt) unterstützen und sich in flexiblem Raumdesign ausdrücken. Die Gestaltung eines kleinen Amphitheaters kann ein Beispiel dafür sein.“ sagt Alexander Breustedt.

Im Amphiteater werden Ideen und Arbeitsergebnisse präsentiert, bewertet und reflektiert, ohne Barrieren, mit voller Transparenz  – Foto: GRAEF Axel Kranz

Also keine Büroflucht und verwaiste Fläche

„Die Büroflächen brauchen wir auch in Zukunft.“ gibt sich Breustedt optimistisch. „Nur werden sie nicht mehr mit unzähligen Schreibtischen ausgestattet, um dort Arbeiten zu verrichten, die man getrost überall erledigen kann. Die Flächen sollten Arbeitsmöglichkeiten bieten, die Menschen zusammenführen und inspirieren.“

Die Sorge vor verwaisten Büros scheint tatsächlich unbegründet. Eine Umfrage des Karriereportals StepStone hat ergeben, dass es in mehr als jedem dritten Unternehmen bald kein Home Office oder wenn, nur in Ausnahmefällen, geben soll. Fast alle Mitarbeiter würden gern wieder in die offenen Räume zurückkehren, zu Kicker und Gemeinschaftsküche. „Wenn Büroflächen den heutigen Standards nicht genügen, gibt es längst Konversionsideen, jedenfalls dort, wo eine Umgestaltung zur Wohnnutzung oder ähnlichem technisch möglich ist.“ sagt Martin Rodeck.

Vertrauen ist gut, Kontrolle besser

Dem Wunsch nach Normalität folgt die gefühlte Kontrolle über die geleistete Tätigkeit. Kontrolle wird – leider – als einer der Gründe genannt, warum Unternehmer ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gern physisch an einem Ort versammelt sehen. Die Ergebnisse der Stepstone-Umfrage zeigen, dass zwei Drittel aller Führungskräfte, die künftig kein Homeoffice erlauben wollen, die fehlende Kontrolle der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter als Grund angaben. Dabei ginge es um die Leistungskontrolle, ob Arbeitsbedingungen passen würden – und natürlich auch, ob sie überhaupt arbeiten.

Keine Fläche zum Verstecken

In der Zeit, als Büros leer standen und Wohn- und Schlafzimmer auf der ganzen Welt zu Heimbüros umfunktioniert wurden, konnten Firmenbosse ihren Angestellten nicht mehr über die Schulter schauen. Da präsentiert sich wieder ein Krisengewinner: die Entwickler von digitalen Überwachungssystemen. ActivTrak, Teramind, Hubstaff und Time Doctor gehören zu den in den USA ansässigen Unternehmen, die Software zur Mitarbeiterüberwachung anbieten. Hubstaff, bereits 2012 in Indianapolis gegründet, erfährt seit Beginn der Coronakrise in den USA steigende Beliebtheit. Die Nutzerzahlen sollen sich seit Beginn der Pandemie inzwischen verfünffacht haben.

Die Software wird auf Smartphone und Laptop installiert und trackt dann, welche Apps und welche Webseiten die Mitarbeiter aufrufen. Dazu überwacht sie die GPS-Position, Mausbewegungen und Tastaturanschläge der Mitarbeiter und macht überdies in regelmäßigen Abständen Screenshots. Gruselig.

Kontrolle im Home Office – Foto von Bernard Hermant auf Unsplash.com

Büros, die Krankenhäusern ähneln

Langfristig prognostizieren Experten, dass das verstärkte Bewusstsein der Gesellschaft für ansteckende Krankheiten eine neue Art von Büro einleiten könnte – eines, das Elemente mit einem Krankenhaus gemeinsam hat. Eines der Leitprinzipien wird die Auswahl von Materialien auf der Fläche sein, die einer starken Reinigung mit ätzenden Produkten standhalten.

Man wird poröse Oberflächen wie natürliches geöltes Holz vermeiden, und Stein oder Laminate bevorzugen. Wir können lösungsgefärbte Teppiche mit feuchtigkeitsbeständigem Träger erwarten, da sie starkem Shampoonieren standhalten können. Diese haltbareren Materialien sind nicht unbedingt teurer als die bekannteren Alternativen. Das ist wichtig, da in wirtschaftlich schwierigen Zeiten nur wenige Unternehmen über ein Budget für eine teure Überholung verfügen.

Es gibt auch bereits Diskussionen über Luftfiltersysteme, die ultraviolettes Licht verwenden. So könnten Unternehmen eine starke UV-Reinigung in Betracht ziehen, wenn alle Mitarbeiter nach Hause gegangen sind, um sicherzustellen, dass die Luft so sauber wie möglich ist, sagen Experten.

Ein weiteres Merkmal von Krankenhäusern, das wahrscheinlich zu einem festen Bestandteil des Büros wird, sind Waschbecken: Rezeptionen und öffentliche Bereiche werden mit diesen ausgestattet sein. Händewaschen wird zum Ritual werden, wenn man ein Büro oder einen öffentlichen Raum betritt.

Don’t touch anything!

Die Selbstbedienung in Büroküchen wird zu einem Relikt der Vergangenheit werden, das durch Automatisierung ersetzt wird. Es gibt auch die Idee, nach kranken Mitarbeitern mit high tech Lösungen zu suchen. Eine Möglichkeit besteht darin, Sensoren unter Schreibtischen einzubetten, um die Körpertemperatur zu überwachen. Ein Facility Manager wird benachrichtigt, wenn jemand Fieber hat. Diese Art von Technologie existiert bereits und wäre nicht schwer zu integrieren. Wirft aber große Datenschutz-Fragen auf. Personal- und Rechtsabteilungen sowie externe Berater müssten abwägen, ob dies der richtige Weg ist. Schon wieder potentielle Krisengewinner – mit neuen Geschäftsmodellen.

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