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Das Dilemma rund ums Business-Sprech

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New Work und Digital Office sind dankbare Einflugschneisen für Business-Sprech. Wer neue Office-Lösungen einführen, sorry, ausrollen will, der oder die sollte sich sprachlich auf den letzten Stand bringen, bzw. aufgleisen.

Seit einiger Zeit hört man von Geschäftsführern und anderen Führungskräften oft, dass sie in der Kommunikation in ihrem Unternehmen gern etwas ändern wollen. „Dieses Buzzword-Bingo nervt“, heißt es immer öfter. Selbst Mitarbeiter, die neu in eine Firma kommen („sie oder er wird unser Team verstärken“), pflegen nach einer Weile diese Art Business-Sprech, oft eine Mixtur aus Deutsch und Englisch. Business-Sprech oder Beratersprech heisst „Business-Deutsch“ und ist Ausdruck intellektueller Hochstapelei. Und nichts anderes. Offenbar muss das so sein, denn es zeigt an, dass man dazugehört. Telefonate gibt es dann nicht mehr, es muss ein „Call“ sein. Bloß nicht „Telko“ sagen, das klingt nach grauen Telefonen mit Wählscheibe. Und das Thema galoppiert nicht.

Können wir auch auf der Tonspur rüberbringen

Termine werden nicht einfach so vergeben, dazu bedarf es eines Slots und in die Keynote gehören Bullet Points, aber nicht zu viele, denn einiges kann auch auf der „Tonspur rübergebracht“ werden. Ist das Issue noch nicht adressiert? Zielführender ist es, mitzumachen und das Genre des Business-Talks um kreative Eigenkompositionen zu bereichern.

Normalerweise würden wir das beim Bier strategizen, aber das geht gerade wegen des Lockdowns nicht. Wir haben also einen Deep Dive in die Welt des Business-Talks gemacht und sagen, mit welchen Formulierungen Sie bei der Einführung von neuen digitalen Tools richtig in den Lead gehen.

Beratersprech-Bingo

Sie fragen sich, wie man die Arbeit aus dem digitalen Büro so effizient wie möglich gestalten kann? Da kommen sie an HD-Konferenzen nicht vorbei, es gibt Zoom, Cisco mit seinem kostenlosen Konto für HD-Videokonferenzen, Google mit der Videokonferenz-App „Meet“ und Microsoft mit „Teams“, eine Plattform, die Chat, Besprechungen, Notizen und Anhänge kombiniert und Teil von Office 365 ist.  Ein mit mir befreundeter Abteilungsleiter nutzt Zoom und spielt in den Calls regelmäßig Beratersprech-Bingo.

Business-Sprech Database: „Das wird sportlich“

Das heißt, er führt eine Liste mit Buzzwords und Begriffen und schaut, welche er dann im Laufe des Calls abhaken kann. Dabei sind Klassiker wie „Masterplan“, „Business Case“, „das liegt genau im Korridor“, „holistisch“, „customizen“, „fokussieren“, „ins Risiko gehen“, „das wird sportlich“ und „proaktiv“. Fehlen darf natürlich nicht die viel zitierte „Roadmap“, die mit „Milestones“ gepflastert ist. Er schwört, dass in kaum einem Call ein Feld offenbleibt. Gut, der Mann arbeitet bei einer Beratung, und da ist Beraterdeutsch besonders verbreitet. Er ist dort ständig „auf einem Projekt“ statt „in einem Projekt“. Um einen „Prozess aufzusetzen“ oder eine Präsentation „aufzubeefen“.

Das Sales Team braucht eine Leadership-Infusion

„Digital Leadership“ ist an sich schon ein Buzzword. Vielen Unternehmen ist bewusst, dass dafür Vernetzung, Offenheit, Partizipation und vor allem das transparente Kommunizieren von Entscheidungen notwendig ist. Die Realität ist aber oft eine stark hierarchische Führungsstruktur. Von wegen „ergebnisoffen“. Auch in Unternehmen, die sich rühmen „flat“ zu sein, wird fleißig nach oben reportet: „Sales Team ist völlig rudderless. Die brauchen eine Leadership-Infusion.“ Oder: „Die Slides bitte triplechecken. Gehen directly zum CMO.“

No-Go für die Compliance

Wie war eigentlich die Zeit, in der es keine Compliance gab? Heutzutage unvorstellbar. Nachhaltigkeit ist keine Idee, sondern ein Muss. Die Anforderungen von Datenschutz und Datensicherheit steigen unaufhörlich, Digital Office Lösungen unterliegen hohen Sicherheitsstandards für regelkonformes Arbeiten. Sobald Sie auch nur den Hauch eines Zweifels spüren, ob alles im Sinne der Compliance ist, sagen Sie: „Dieser Approach ist ein No-Go für die Compliance. Bitte sofort ausspeichern.“

Bessere Stimmung dank quick wins

Compliance ist als Thema tricky. Wie languagen wir das? Fragt sich nicht nur die Chefetage. Aufschlauen müssen sich alle – Sie haben es erraten – Stakeholder. Klingt erheblich besser, als Mitarbeiter als Ressourcen zu bezeichnen, auch wenn im englischsprachigen Raum gern von „Human Resources“ die Rede ist. Wenn die Stimmung nach einem solchen Fehlgriff etwas down ist, kann sie mit low hanging fruits oder quick wins verbessert werden. Wer freut sich nicht über einen schnellen Erfolg ohne großen Stress. Bless Business-Sprech. 

Höchste Zeit, sich auf dieses Object zu committen

Drei von vier Unternehmen setzen nach Angaben des Branchenverbandes Bitkom auf Cloud Computing. Sie noch nicht? Dann ist es höchste Zeit, sich auf dieses object zu committen. Zwingend nötig, dass dieses Topic bei einem Board-Meeting als High-Level-Approach eingestuft wird. Nicht „zeitnah“, sondern „asap“, oder, wer etwas cooler und moderner sein will,  „pdq“ (pretty damn quick). Wenn es ein Managerwort schlechthin gibt, dann ist es „Herausforderungen“.

Am Ende des Tage

Damit wird ausgesagt, dass es keine Probleme oder Schwierigkeiten gibt, die nicht „am Ende des Tages“ gelöst werden, weil der Manager oder die Managerin eben ein oder eine Top-Checker*in ist. Es gibt eine gewisse Tendenz, „Herausforderung“ durch „Challenge“ zu ersetzen, damit gibt man sich das Fluidum, auch international ein Checker zu sein. Zurück zum Cloud-Computing und dem damit einher gehenden digitalen Dokumentenmanagement.

Haben wir auf dem Schirm

Hier sind wir nicht weit von einem Begriff aus der Philosophie, der seinen Siegeszug durch deutsche Büros angetreten hat: Paradigmenwechsel. Klingt wahnsinnig intellektuell und bedeutungsvoll. Anderes Wort mit P: Performance. Wir waren gut aufgestellt. Die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie blieben überschaubar. Day off? Keinesfalls. Der Mitarbeiter hat im Home Office gut performt. Auch Business-Sprech sei Dank. Kehren wir nach der Krise wieder zu alten Arbeitsweisen zurück? Vergesst es. Die Workflows bleiben flexibel und virtuell. Guter Plan. Aber wer macht das operative Doing? Haben wir auf dem Schirm. Am Ende des Tages wissen wir, wo die Reise hingeht.

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