Das Erlebnis Büro

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Es ist schon eine Weile her, seit W.S. Wooton 1870 den ersten Schrankschreibtisch entwickelte. Sein Ziel war es, der vermehrten Schreibarbeiter gerecht zu werden. Organisiert werden musste Schreibmaschine, Füllfederhalter und Glühlampe. Die ersten Lösungen für das Büro schienen perfekt. “A place for everything and everything in its place” beschrieb der Architekt das Werk.

Wooton Desk – Photo courtesy of the Frances E. Willard Memorial Library & Archives. Evanston, Illinois

Das Büro 150 Jahre später

Das Büro hat sich gewandelt und dient nun als Inkubator für Kreatives und Kommunikation. Der Schreibtisch bekommt Konkurrenz. Das Büro der Zukunft kennt mehr als nur den Schreibtisch als Arbeitsplatz. Sofaecken, Lounges und lockere Sitzgruppen bieten Abwechslung und laden zum Verweilen ein. Ihre Akzeptanz als alternativer Arbeitsplatz steigt. „Die Regeln der formellen Arbeit lösen sich auf, egal wo und wie man arbeitet, nicht selten in Hotellobbys und Cafés“, sagt Edward Barber, britischer Designer mit dem Schwerpunkt Interaktionsdesign.

Sein Kollege Jay Osgerby verschärft: „Der klassische Schreibtisch befindet sich nicht mehr im Mittelpunkt des Arbeitens: Sein Archetyp verschwindet.“ Die Grenzen von Büro und öffentlichem Raum verschwimmen. Transparente, maximalistische Arbeitsumgebungen ermöglichen Zufallsbegegnungen. Kommunikation und Kooperation sind bekanntlich der Schlüssel zu Produktivität und steigern die Innovationsfähigkeit.

Kreativität schafft Konzentration

Kreativität wird immer stärker als wertstiftender Beitrag bei der täglichen Arbeit gesehen. Das Büro als kreativer Ort des Austauschs erfährt eine neue Verwendung. Einzelarbeit wird zunehmend mehr im Home Office erledigt. Aspekte wie Gesundheit definieren darüber hinaus immer mehr die ökonomische Dimension der Büronutzung neu. Das Fraunhofer Institut hat in der Publikation „Arbeitswelten 4.0“ dem Büro eine neue soziale Funktion zugeschrieben.

Produktionsfaktor Happiness im Büro

Tiefe Zufriedenheit und Erfüllung am Arbeitsort schafft Leistung. Weg von ‚Command und Control‘ hin zu ‚Command und Care‘ ist das Zukunftsprinzip der Führungsgestaltung. Autonomie und Handlungsspielraum eröffnen einen Wohlfühlraum, in dem Erleben und Wertschätzung psychologische Sicherheit geben. Dadurch passiert automatisch Empowerment und Selbstorganisation und dadurch auch eigenverantwortliches Handeln.

Eine im Jahr 2018 veröffentlichte Studie des Institute of Labor Economics legt sogar nahe, dass das Arbeiten im Home Office auf Dauer unglücklich macht. Die Forscher stellten fest: Das subjektive Wohlbefinden sank im Home Office. Die Angestellten fühlten sich zu Hause gestresster und unglücklicher als im Büro. Als Grund gaben sie die fehlende Abgrenzung von der Arbeit in ihrer Freizeit an.

Happy im Büro – Foto von You X Ventures auf Unsplash.com

Obwohl viele Menschen angeben, sich zu Hause gut konzentrieren zu können, fehlen Ablenkung und Zerstreuung von den Kollegen. Das macht den Arbeitstag produktiver, aber insgesamt auch anstrengender. Zudem werden zu Hause viele Überstunden gemacht. Arbeiten mit wenig Pausen – ein gutes Rezept fürs Burn-out.

Ein Recht auf Büro

Ein Recht auf Home Office solle es nur geben, wenn es auch ein Recht auf Büro gibt, schreibt Amna Franzke auf Zeit.de. Denn das Büro der nahen Zukunft werde sich massiv verändern und bei aller Freude über Flexibilität und Autonomie sollen wir aufpassen, dass das Büro nicht auf ein Minimum zusammenschrumpft.

Wer sich zu Hause nicht konzentrieren kann, weil in der Nachbarwohnung stundenlang gestemmt wird, der muss ins Büro gehen dürfen.

Das Büro als Produktivitätsort – Foto von Andreas Klassen auf Unsplash.com

Mehr Nähe durch Distanz

Soziale Unterstützung, Füreinander Sorgen und das gemeinsame Erleben eines Wohlfühlklimas ermöglicht mehr Offenheit und Nähe. Im Raum ist damit die Emotion besonders gut spürbar. Erlebnisräume inspirieren und führen zu überraschenden Ergebnissen. Das perfekte Zusammenspiel von Licht, Architektur einer Raumerzählung, Sound und Farbe verwandelt Räume zu Erlebnissen. Wir erinnern uns an Friedrich Schiller „Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt“, Friedrich Schiller (1759-1805) und verrät damit, wie wir spielend menschlicher werden.

Das perfekte Raumerlebnis

Um nur einige wichtige Zutaten zu beschreiben, müssen wir in den Büros soziale Wärmefelder schaffen. In einem „Wärmefeld“ können wir sein, wie wir sind. Wir sind offen und können so tiefere Ebenen von Kreativität erschließen.

  • Design, Konzeption/Komposition und Szenografie
  • Interaktive Komponenten wie Touch Tables, Licht- und Screeninstallationen, Hologramme ergänzen das Mediendesign.
  • Ein mediales Rezeptbuch zum Bespielen des Raumes und zur visuellen Kommunikation rundet die Schaffung des Erlebnisraumes ab.

Komposition und Szenografie

Erlebnisräume beschreiben eine theatralische Weiterentwicklung des Raumdesigns. Sie bespielen Szenen, die im Raum flexibel angedeutet werden. Der Raum entwickelt damit viel Leidenschaft und besticht durch Liebe zu Details. Gut inszenierte Räume vermögen es, den Mitarbeiter emotional zu erreichen. Da stimmt alles: das Mobiliar, die Stimmung, der Sound, der Geruch, das Licht, die Funktionalität, die Kulisse. All das schafft eine bestimmte Atmosphäre. Moderne Arbeitswelten müssen heute flexibel einsetzbar sein: von der ruhigen Umgebung für konzentriertes Arbeiten über den Einsatz bei Meetings bis hin zur Nutzung als Kreativraum.

Durch Lean Thinking Ballast abwerfen

Lean Thinking befasst sich mit der Herausforderung, wie mit weniger mehr erreicht werden kann. Der Raum kommt damit stetig dem Ziel näher, seine Besucher, Kunden, Mitarbeiter zu begeistern. Er liefert das, was sie sich wünschen, um den Ort gut bespielen zu können. Das erste Prinzip im Lean Thinking ist es, die Raumerwartungen und Ansprüche aus der Sicht des Kunden zu erfüllen. Das zweite Prinzip ist die Identifikation des Wertstromes.

Der Raumwert muss je nach Nutzungsmöglichkeit alle Szenarien der Aufgabenerfüllung ermöglichen. Überflüssiges und Störendes wird eliminiert. Das dritte Prinzip ist das Flussprinzip, der Raum strahlt Ruhe und Einheit aus. Panta Rhei (alles fließt). Das vierte Prinzip, das Pullprinzip zeigt, dass der Raum dazu einlädt, Neues anzustoßen. Das fünfte Prinzip ist das Streben nach Kollaboration, d.h. der Raum muss dazu einladen. Eine ungeplante Plauderei unter Kolleginnen endet mit einer gemeinsam gefunden Lösung für ein anstehendes Problem, sozusagen ‚beiläufig‘. Mehr zur Soziologie des Büros von Nikil Saval: A Secret History of the Workplace.

Veränderte Gewohnheiten als Konsequenz der Corona-Pandemie

Die klassischen Büroraumkonzepte Großraum- oder Gruppenbüro werden in Pandemiezeiten immer weniger verwendet. Der Trend zu offenen Arbeitsplätzen ist ‚on hold‘. In Zukunft werden zunehmend das Konzept des Kombibüros und reversiblen Büros zu finden sein. Dies wird auch dem Trend der Re-Urbanisierung, Nachhaltigkeit und Individualisierung gerecht.

Die Bedeutung der informellen Zonen hat gerade durch das Bewusstsein der Pandemie zugenommen. Gelernt haben wir durch unsere Homeofficeerfahrung. Da findet sich eine Sehnsucht nach gemeinsamen Relaxen, lockerem Kommunizieren und die Intensivierung der sozialen Kontakte innerhalb des Unternehmens oder der Abteilung. Möglich wird das durch fast Spielplatz-ähnliche Raumgestaltungen.

Rückkehr ins Büro wird zum Erlebnis

Das Büro ist viel mehr als ein Ort des Lebensunterhalt-Verdienens. Es ist ein Mikrokosmos menschlichen Wissens und menschlicher Symbiose. Die Dienstleistungs-, Wissens- und Innovationsgesellschaft während Gesundheitskrisen macht Büros der Zukunft zu zentralen Orten des ‚WIR‘ auf Abstand. Markierungen auf dem Fußboden oder digitale Sensoren erinnern Mitarbeiter daran, Abstand zu halten. Manche feiern sogar das Comeback der Zellenbüros. Andere wieder bringen den Raumteiler zurück.

Fazit: Das Büro wird als Schutzort neu definiert und erlebt.

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