Das akustische und emotionale Umfeld im Homeoffice

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Die Ruhe ist seit jeher ein Lieblingsthema von Dichtern und Denkern. In der Ruhe liegt die Kraft, behauptet sogar der Volksmund. Denn die Auswirkungen von Lärm sind bekannt: Stress, Unproduktivität und Krankheit legen uns in lauten Büros oft lahm. Aber welche Auswirkungen hat der Lärm bzw. die richtige Akustik auf Wohlbefinden und unsere Emotionen im Homeoffice?

Immer mehr Arbeitgeber setzen auf Open-Space-Bereiche oder Großraumbüros. Mitarbeiter haben dort Meetings, machen Videokonferenzen, Webinare, führen Kundentelefonate und Privatgespräche. Bei Arbeitgebern mit flexiblen Arbeitszeiten herrscht ein stetes Kommen und Gehen. In Flex-Desk-Offices rollen zusätzlich Mitarbeiter mit ihren mobilen Bürocontainern durch die Flure. Es hallt und schallt und dann noch die Geräuschkulisse von der Baustelle auf der Straße, das permanente Autorauschen der nahen Stadtautobahn und die Schreierei, die vom Spielplatz ins Meeting hallt – dauerhafter Lärm hat Auswirkungen auf das Herz-Kreislauf-System, das Schlafverhalten uns das Gesamtwohlbefinden von Menschen.

Lärm, wo früher keiner war

Viele Menschen waren schon Home Office Profis, da wussten 80% der Bevölkerung noch gar nicht, was eine Pandemie ist. Wenn die Leute über Home Office geklagt haben, dann nicht über den Lärm, sondern über die soziale Isolation beim Arbeiten, d.h. den fehlenden Austausch mit anderen und die Stille, die oft erdrückend sei. Mit Kindern im Haus wurde aus der Stille plötzlich eine ständige Lärmkulisse. Streitereien zwischen Geschwistern, stundenlanges Fernsehen, das Buhlen um Aufmerksamkeit.

Damit wollen wir nicht nur das Problem der Eltern thematisieren, die in der Zeit der Schulschließungen gelangweilte und tobende Kinder betreuen mussten. Natürlich sind auch kinderlose Menschen belastet, die Wohnung an Wohnung mit aufgeweckten Kindern, Opernsängerinnen, Schlagzeug-Spielern, Heimdekorateurinnen und sonstigen Lärmmachern wohnen oder das stundenlange Drillen auf der Baustelle nebenan ertragen müssen. Und: wenn man nicht ins Café um die Ecke ausweichen kann, auch wenn es dort heute mal ruhig (aber durch die Gäste mit toller Energie aufgeladen), und morgen mal nervig laut sein kann,  kann das erzwungene Home Office auch für Singles und kinderlose Menschen zum Albtraum werden.

Was können wir aus diesen Erfahrungen lernen? Wie können wir der nächsten pandemische Welle akustisch besser begegnen?

Ruhig Blut

Die Emotionen sind in den letzten Wochen leicht hochgekocht. Es wurde experimentiert und gelernt, wie Achtsamkeit, Mitgefühl und aufmerksames Zuhören auch in der virtuellen Welt gelebt und gestärkt werden können. Unser Kopf ist ein erstaunliches emotionales Kraftwerk – der „spürt“ alles, wenn man so will. Grenzen setzt er keine. Das kann aber auch dazu führen, dass er uns in einen emotionalen Zustand versetzt, der uns gar nicht guttun.

In unsicheren Zeiten malt er sich zum Beispiel Szenarien aus, die Angst auslösen. Viele Menschen berichten über irritierende Träume, was beim Cocktail an beunruhigenden Nachrichten und Bilderfluten von Massengräbern und verzweifelten Angehörigen nicht verwunderlich ist.

Wenn es um die optimale Nutzung der digitalen Möglichkeiten geht, lernt unsere Gesellschaft – auch in einem hochentwickelten Land wie Deutschland – gerade erst zu laufen. In kritischen Phasen einer Anstrengung geben trotzdem viele auf, weil das Bemühen nicht unmittelbar in den Ergebnissen sichtbar ist. Doch wir wachsen erfahrungsgemäß an unseren Fehlversuchen. Ist das Wissen übers Unbekannte vermittelt und sind die Maßnahmen geübt, hindert uns nichts daran, Entwicklungsschritte in 7-Meilen-Stiefeln zurückzulegen. Was es braucht, ist Motivation. Von ‚oben‘, vom Enkel oder vom Nachbarn nebenan, das ist egal.

Eine andere Perspektive einnehmen

Sorgen hemmen unser kreatives Potential und vermindern unsere Lebensqualität. Sorgen halten uns auch davon ab, Lösungen zu erkennen. Es gilt daher, die Dinge, die wir nicht ändern können zu akzeptieren und den Fokus auf das zu legen, was man kontrollieren kann. Das schafft innere Ruhe.

Es gilt, die Dinge wertfrei und neutral zu betrachten, umsichtig und lösungsorientiert. Ein Beispiel: Die Chefin eines Fitness-Studios wirft gerade die Nerven weg. Die Kunden im Studio sind zu 100% weggebrochen, die Aussicht auf Wiedereröffnung in den nächsten 6 Monaten ist fragwürdig. Der Umstieg auf Online-Kurse wird von der Hälfte ihrer Kunden angenommen. Sie befragt ihre KundInnen nicht, was die sich wünschen würden, kündigt ihren MitarbeiterInnen aber trotzdem, weil sie persönlich nicht an die Nutzung der Online-Kurse glaubt. Schade, nicht?

Der Ton macht die Musik

Im Home Office braucht es eine gute Geräuschkulisse, damit Gespräche und Video-Calls störungsfrei durchgeführt werden können. Dabei helfen Kopfhörer mit Geräuschunterdrückung. Die neue Generation der ‚Noise-Cancelling‘-Kopfhörer filtert störende Hintergrundgeräusche, auch für den Gesprächspartner (= Active Noise Cancelling). So bleibt die Konzentration auch bei dezentem Lärm in der Wohnung erhalten. Dezent heisst aus Erfahrung Vögelgezwitscher und Taubengurren; beim Dauergehupe der Brio-Lokomotive und Schleudergang der Waschmaschine im Raum sieht das schon anders aus.

Wer in lauten Umgebungen arbeitet, sollte ein Headset mit aktiver Geräuschunterdrückung in Erwägung ziehen. Damit werden Nebengeräusche minimiert, die Verständlichkeit der Unterhaltung verbessert und die Ablenkung und möglicher Stress durch Lärm reduziert.

Teppiche und Lampen

Gegen Schall und zu viel Raumklang helfen Teppiche. Wenn Sie Kleinkinder haben, werden es ihnen die Nachbar danken, vor allem, wenn die Begeisterung eines 6jährigen für Rock ’n Roll Musik Sonntag früh am Keyboard ausgelebt wird. Eine andere Variante liefern schallreduzierende Lichtquellen. Akustiklampen sind sowohl für Decken- als auch für Wandlösungen erhältlich.

Ideen gegen Nachhall und Schall, Elemente können auch fürs Home Office genutzt werden – Foto: GRAEF

Bilder und Paneele

Wenn es um das Thema Schallisolierung geht, dann ist auch manchmal die Rede von Akustikbildern, Schallschutzbildern und Akustikpaneelen (wie diese hier bei Amazon). Solche Akustikbilder, bzw. Schallabsorber sehen oft schön aus und sind sehr leicht und schnell – wie ein Bild – an der Wand angebracht.

Allerdings dienen Akustikbilder nicht dazu, den Raum gegen Schall von außen zu isolieren. Vielmehr sind solche Bilder dazu gedacht, den Hall innerhalb des Raumes zu verringern. Auch die Verringerung des Nachhalls wirkt sich positiv auf die Raumakustik aus und lässt den Raum leiser erscheinen, da solche Bilder Schall absorbieren können. Gegen lärmende Nachbarn von nebenan sind solche Bilder nicht die richtige Maßnahme.

Lärm von den Nachbarn und den Mitbewohnern dämmen

Nachbarn kann man sich nicht aussuchen. Wenn der Lärm der Nachbarn immer wieder die Konzentration im Home Office stört, kann man Schalldämmung der Wand zum Nachbarn anbringen. Schalldämmplatten an der Wand helfen. Als mein Nachbar vor kurzem aus seiner Wohnung auszog, zeigte er mir schmunzelnd die Schalldämmplatte, die seine Schlafzimmerwand von meiner trennte. Die hätte er angebracht, als meine Kinder Babies waren und seine Home Office Aktivität als Graphik Designer massiv beeinträchtigten. Mit diesem ‚Lärmkiller‘, wie er die Platte bezeichnete, wäre seine Welt wieder in Ordnung gewesen.

Für den Anfang kann es jedoch auch einfach ausreichen, eine große Schrankwand oder ein großes und gut gefülltes Bücherregal an die betreffende Wand zu stellen. Dadurch schafft man im Home Office auch gleichzeitig noch mehr Platz für Unterlagen, Bücher, Aktenordner und andere Arbeitsmaterialien.

Bücherregal als Lärmkiller – Foto: Jonathan Borba – Unsplash

Ideen muss man haben

Fürs emotionale Wohlbefinden – unabhängig von Umgebungsgeräuschen – möchten wir Ihnen folgendes ans Herz legen: Takten Sie Ihren Tag schneller. Das schafft in Online-Meetings eine höhere ‚Sachlichkeit‘. Die Diskussionsbeiträge und Argumentationsketten sind kürzer. Die Teammitglieder gehen besser vorbereitet in die Meetings. Gleichzeitig brauchen wir aber einen Austausch über unsere Bedürfnisse und persönlichen Themen. Wie passt das zusammen? Wir starten zum Beispiel mit virtuellen Runden mit Spaßfaktor oder nicht projektbezogenen Informationen zum Meeting-Start.

Auch wenn Meeting-Partner von ausserhalb wegen des horrenden Verkehrs regelmäßig 1,5 Stunden zu spät ins Meeting stolperten, wurde mal 20 Minuten übers BBQ am Wochenende oder die Fußballergebnisse gescherzt. Das hat die Stimmung gelockert und die Meetings von Anfang an entspannter (als in unserem Kulturkreis) gemacht.

Was es dazu braucht, ist die mentale Offenheit, vom anderen auch persönliches erfahren zu wollen. Da haben uns die Lateinamerikaner was voraus. Weil wir ja lernfähig sind, können wir das in Zeiten wie diesen trainieren. Also, offen sein und erzählen, was einen bewegt. So lernt man sein Gegenüber besser kennen. Dieses Bild vom anderen fördert Vertrauen und Verhandlungsbereitschaft.

Wie wäre es zum Beispiel mit einem regelmäßigen gemeinsamen, virtuellen Frühstück? Vielleicht gelingt es auch, dem Zufall eine Chance zu geben. Starten Sie ein Zoom-Meeting und richten Sie Breakout-Session für den individuellen Austausch ein. Durch ein spontanes Matching von MitarbeiterInnen werden Leute zusammengebracht, die sich in vielen Fällen nicht gut kennen. Ein anderes Beispiel, das zufällige Begegnungen fördert, sind Lucky Lunches. Beispiel: „Wir losen jede Woche vier MitarbeiterInnen aus, die gemeinsam virtuell ihre Mittagspause verbringen und liefern das Essen dafür ins Home Office dieser 4 Leute“.

Kein Kompromiss zwischen Bequemlichkeit und Schnelligkeit

Empathie ist also derzeit (eigentlich immer, aber jetzt besonders) in der Teamarbeit gefragt. Dazu dienen Formate wie Lunch& Learn und das Bilden von Tandems. Lunch and Learn bringt kurze neue Impulse zur Essenszeit, die virtuell konsumiert werden können.

Tandems sind 2er Teams, die sich unterstützen. Sie können zum Beispiel digital fitten Mitarbeitern und Home Office-Neulingen ermöglichen, voneinander zu profitieren. Dabei sei geraten, in der Kommunikation prägnant und eindeutig zu sein, und nicht zu ’schwafeln‘. Formulieren Sie jegliche Kommunikation, wie Mails und Protokolle, klar und unmißverständlich.

Bessere Ergebnisse durch direktes Feedback

Mitarbeiter-Performance und Zufriedenheit gehen Hand in Hand. Wir wissen, dass Unternehmen mit einem hohen Mitarbeiter-Engagement einen signifikant höheren Umsatz pro Mitarbeiter erreichen. Führungskräfte und Teammitglieder brauchen jetzt viel Interaktion und Feedback-Loops.

Für die Zahlenfüchse unter Ihnen: Durch den Wandel der Außenwelt passen wir unser Verhalten an und beobachten gleichzeitig, wie wir reagieren.  In den ersten Wochen der Heimquarantäne gab es 23% mehr Online-Meetings, während die ‚Time Out-Phase‘ um 29% sank. After-Hours-Emails stiegen um 23%. 34% der Befragten werden durch Unterbrechungen öfter aus der Aufgabe, an der sie gerade arbeiten, ‚herausgerissen‘. Der Arbeitstag dauert daher um 1/3 länger als sonst.

Positiv ist aber zu sehen, dass die Meeting-Dauer um 14% gesunken ist, d.h. die Meetings werden effizienter. Die Feedbackgeschwindigkeit der Führungskräfte stieg um 34%, d.h. auch hier bemühen sich die Chefs, durch rasches Kommunizieren schnellere Gesamtergebnisse zu erhalten (Quelle: derbrutkasten.com)

Die Learnings: Neues Arbeiten im Home Office-Modus ist eine Haltung

Digitalisierung heißt vernetzt und verbunden zu sein. Diesen Schritt vom Vernetzt- zum Verbundensein, den lernen wir jetzt rasanter als erwartet: wir werden kollaborativer, achtsamer, toleranter und offener. Nutzen wir diese Zeit, um zu beobachten, zu analysieren und sich weiterzuentwickeln.

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