Co-Working XXL

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Gemeinsam leben, gemeinsam arbeiten

Beim Co-Living sollen die Grenzen zwischen Leben und Arbeiten verschwinden

Wenn du fremd bist in einer neuen Stadt, sind deine Mitbewohner alles, was du hast. Wer wegen eines Studiums oder für einen neuen Job in eine andere Stadt umziehen muss, sucht sich deshalb oft ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft. Man lernt neue Leute kennen, spart Miete und kann die Küche mitnutzen. Doch gerade in den sogenannten Schwarmstädten München, Berlin, Köln, Düsseldorf, aber auch in beliebten Großstädten wie Münster, Bonn oder Göttingen ist die Suche nach einem WG-Zimmer in den vergangenen Jahren tendenziell immer schwieriger geworden, wie Studentenwerke berichten.

Qualifizierte Jobs in begehrten Städten

Das Angebot für die knapp drei Millionen Studenten in Deutschland, dem am schnellsten wachsende Studentenmarkt Europas, ist seit Jahren knapp. Junge Berufstätige, Studierende aus Deutschland und dem Ausland trifft dies wie AustauschstudentInnen, PraktikantInnen oder FreelancerInnen gleichermaßen. Die Wohnraumknappheit wird für Unternehmen zum Problem, denn qualifizierte Jobs in Zukunftsbranchen werden meist in Städten angeboten, in denen der Wohnraum knapp ist. Was nützt das ganze employer branding, wenn das begehrte Talent nicht nach München kommt, weil es dort keine Bleibe findet, aber auch nicht im abgelegenen und piefigen Vorort wohnen will?

Konzept zielt vorrangig auf junge Berufstätige

Die Immobilienwirtschaft hat einen Ausweg ersonnen, indem sie das Prinzip des Co-Workings abgewandelt und weiterentwickelt hat. „Co-Living“ heißt die neue Lebensform, die Bürogemeinschaft und Wohngemeinschaft verbindet. Gemeinsam leben und arbeiten, Co-Working XXL sozusagen. Das Konzept zielt vorrangig auf junge Berufstätige sowie Digital Natives, die ortsunabhängig arbeiten, sich entweder nicht länger an einen Wohnort binden oder zumindest die Zeit bis zur eigenen Wohnung überbrücken wollen. Der Trend gibt ihnen Recht, denn es gibt zunehmend mehr Singles und ortsunabhängige ArbeiterInnen. Laut dem US-Immobilienberater Cushman & Wakefield soll der Anteil an Single-Haushalten in Deutschland bis zum Jahr 2035 von 42 auf 44 Prozent zunehmen.

Der Vermieter kümmert sich um alles

Beim Co-Living beziehen MieterInnen ein möbliertes Zimmer in einer größeren Wohneinheit. Sie teilen sich Bad und Küche mit anderen, können aber davon ausgehen, dass die üblichen Streit-Themen in einer WG weitgehend entfallen. Denn Pampering gehört bei Co-Living zum Geschäftsprinzip, um die Reinigung kümmert sich der Anbieter, oft auch um Nebenkosten, nötige Reparaturen und WLAN. Bei der Fluktuation gemahnt das Konzept dagegen wieder an die alte WG. Die Mietverträge sind kurzfristig kündbar, und wem Mitbewohner oder Ausstattung nicht zusagt, wechselt eben in den nächsten Co-Living. Ohne die Möglichkeit eines schnelles Ein- und Ausziehens ließen sich digitale Nomaden auch nicht anlocken. Die Anbieter steuern in Maßen dagegen, in dem sie auf Interessengleichheit bei den Mietern achten. Denn wer ähnlich tickt, sich bei kreativen Projekten gegenseitig unterstützt und Synergie-Effekte auch für den Job nutzen kann, bleibt länger zusammen an Bord, so die Hoffnung.

Yoga gegen Einsamkeit

Da zum Beispiel in Berlin ein 15 Quadratmeter großes Co-Living-Zimmer zwischen 500  und 900 Euro inklusive Rundumversorgung kostet, sind die Ansprüche hoch. Die Wohnungen müssen nach aktuellen Einrichtungstrends eingerichtet sein und mondänen Chic verströmen – das Spektrum reicht vom Ikea Showroom-Look-a-like bis zum mondänen Viersternehotel-Standard mit Designermöbeln und Boxspring-Bett. Zentrale Lage in einer Großstadt und perfekte Anbindung an öffentliche Verkehrsmittel sind bei Co-Living selbstverständlich. Damit niemand vereinsamt, gibt es neben dem privaten Rückzugsort auch Gemeinschaftsräume, oft auch Fitness- oder Yogacenter, in dem die Kommunarden gemeinsam Sport machen können.

Yoga im Büro Foto: Bruce Mars Unsplash

Studentenwohnheim 2.0

Arbeitsräume, Pools, Waschsalons und Bibliotheken gehören gelegentlich auch zum Angebot. Workshops können inhouse ebenso abgehalten wie die nächste Party gefeiert werden – nicht ganz unwichtig in Zeiten von Corona. So lässt sich trotz der gegenüber einem WG-Zimmer höheren Mietkosten auch Geld sparen. Wer sich via Co-Living ins gemachte Bett setzt, spart Kosten für Einrichtungsgegenstände und ggf. für den Sportclub und fürs Co-Working.In Berlin etwa setzt das Student Hotel auf ein solches Hybridmodell irgendwo zwischen Studentenwohnheim, Co-Living und Hotel.

Co-Living als Argument für die Wahl des Arbeitgebers

Das Konzept scheint anzukommen. Die Medici Living Group, mit 1300 Wohneinheiten neben Homefully, Habyt und Rent24 der größte Anbieter von Co-Living in Deutschland, meldet eine Auslastung von rund 96 Prozent. Solche Zahlen lassen die Manager der Immobilieninvestoren aufhorchen – Co-Living bietet ihnen eine Chance, relativ begrenzten Wohnraum zu hohen Preisen zu vermieten. Dankenswerterweise sind viele Unternehmen der IT-Branche auf der Jagd nach jungen Talenten gern bereit, die Kosten für Co-Living für eine Zeitlang zu übernehmen. Gerade für Bewerber aus dem Ausland, die mit dem Gepflogenheiten des deutschen Immobilienmarkts nicht vertraut sind und sich weniger Chancen bei der Wohnungssuche ausrechnen, wird die Co-Living-Option zu einem gewichtigen Argument bei der Wahl des passenden Arbeitgebers.

Pioniere des Co-Living

Dieser Befund erhärtet sich mit Blick auf den Kreis der Interessenten, die meist aus der Altersgruppe der 20 und 35jährigen stammen und in der IT- oder Medienbranche sowie in Startups arbeiten. Für die Markenbindung der Co-Living-Anbieter wirkt auch die Internationalisierung der Branche mit Angeboten in diversen Ländern unterstützend. Die ersten Coliving-Spaces gab es in Kalifornien, „The Glint“ oder „The Embassy“ in San Francisco gehörten zu den Pionieren.

Längst formiert sich um das Thema „Blended Living“, in dem die Grenzen zwischen Wohnen, Arbeiten und Lernen zunehmend verschwimmen, ein eigener Wirtschaftszweig. Auf der Jahreskonferenz „The Class of 2020“ fanden sich Experten und Führungskräfte aus den Bereichen Immobilien, Wirtschaft, Hochschulbildung und Regierung aus aller Welt in Berlin ein. Unternehmen setzen auf das neue Geschäftsmodell. Denn die neuen Lebensräume haben eigene Ansprüche an Konnektivität und Sicherheit, etwa bei Schließsystemen und ID-Karten. Möbel müssen besonders funktional und platzsparend sein.

Wohnen und arbeiten neu denken

Ob Co-Living das Erbe traditioneller Studentenunterkünfte und sogar die Nachfolge von Co-Working antreten kann, ist offen. In jedem Fall sorgt das Konzept dafür, dass über die grundsätzliche Frage, wie wir in der Zukunft Gebäude zum Leben, Lernen und Arbeiten nutzen werden, neu nachgedacht wird. Dies geschieht, wie die Branche versichert, auch mit intelligenter Technologie und Big Data. Wir dürfen gespannt sein.

Beitragsbild: livecolonies.com/germany

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