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Büro als Heimat

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Ich habe mich vor Jahren über die britische Serie The Office amüsiert, die den Büroalltag durch den Kakao zog. Es war ein wunderbares Manifest, was in Büros theoretisch und praktisch falsch gemacht werden kann. Grauer Teppich, Schreibtische wie Legebatterien und Licht, das einen um 10 Jahre altern lässt. Unter diesem Licht sollten Mitarbeiter hervorragende Konzepte ausbrüten. Büros so einzurichten, das war früher gang und gäbe. Und es war billig. Viele – leider noch nicht alle – haben gelernt, dass diese Planungsweise den Mitarbeitern nicht nur atmosphärisch weh tut, sondern sie auch krank macht. Wenn das Büro als Heimat, in der Fachsprache als ‚zweiter Ort‘ des Menschen gesehen werden soll, wie es Dr. Christian Mikunda, Vordenker der Erlebniswirtschaft und Begründer der Strategischen Dramaturgie, schon in den 80er Jahren beschrieb, muss sich in vielen Unternehmen fast alles ändern.

Eins, zwei oder drei

Welcher ist Ihr Lieblingsort? Dr. Mikunda erklärt: „Der Erste Ort ist der vom jeweiligen Lebensstil der Menschen geprägte, bewusst gestaltete private Lebensraum. Seine Ursprünge finden wir im 19. Jahrhundert, als die Wohnung zum Ausdruck des Ich avancierte. In den 60ern machte man in Amerika die Entdeckung, dass die ästhetische Gestaltung der Arbeitsstätten motivierend wirkt. Da war der Zweite Ort geboren. Google folgte diesem Konzept und ersetzte das klassische Büro durch avantgardistische Inszenierungen. Dritte Orte nennt man jene Orte, die Erlebnischarakter haben. Als ein „drittes Zuhause“ zwischen Arbeitsplatz und Wohnung sollten z.B. die Gäste das Starbucks Coffee House wahrnehmen. Auch virtuelle Abenteuerspielplätze stellen heute dritte Orte dar. Da ist nichts sicher, aber alles möglich.

Wohlfühlen ist gleich produktiv sein

Wer sich nicht wohl fühlt im Büro, der kann nichts produktives schaffen. Und doch sieht sich das reizlose Büro in den Räumlichkeiten des Arbeitgebers plötzlich in Konkurrenz mit dem Büro, das gleichzeitig Heimat ist. Zwar wohnt nicht jeder in einem schicken Haus mit Garten und Pool, aber viele haben 2020 genutzt, um das Büro daheim – auch wenn es nur ein 4m2 Bereich ist, hübsch zu gestalten. Man braucht also einen richtig guten Grund, um da wieder weg zu wollen.

Büro als Werkstatt

Einer dieser Gründe könnte das sogenannte Kribbeln im Kopf (nach Mario Pricken) sein, das ein Büro mit Werkstattcharakter ausstrahlt. In einer Werkstatt wird gebastelt, ausprobiert, feingetunt. Da sitzt man am Boden, berührt Materialien und setzt seine Sinne ein. Wer sich in diesem Raum ablenken will, wird ausdrücklich dazu eingeladen. Mich wundert überhaupt nicht, dass sich mein Sohn weder in seiner Volksschulklasse noch in den Horträumlichkeiten wohl fühlt: da werden 22 Kinder in einem 22m2 großen Raum aufeinander gestapelt. In unserer Wohnung hat er ein fast doppelt so großes Zimmer ganz für sich allein. Er kann darin malen, basteln, Höhlen, Zugstrecken und Stadtteile aus Lego bauen. Diesen Freiraum sollten Schulen unseren Kindern und Unternehmer ihren Mitarbeitern bieten.

Frischluft, Weitblick und Ruhe

Frischluft wird in den Büros der Zukunft eine riesige Rolle spielen. Ich habe vor Jahren in einem Großraumbüro im 36. Stockwerk gearbeitet, da konnte man kein Fenster öffnen. Zehn Prozent der Belegschaft waren immer krank, weil die Klimaanlage die Temperatur stets nach der sonnenbeschienenen Fassade ausrichtete und die Mitarbeiter auf der Rückseite des Gebäudes währenddessen abfroren. Obwohl sich in den letzten 10 Jahren enorm viel im Bereich Gebäudetechnik getan hat, bleibt das Vorurteil im Kopf verankert. Ich habe nie wieder in einem klimatisierten Büroturm gearbeitet. Die Büros der Zukunft werden Fenster und Balkone haben, die Lüftungs- und Außenbereiche werden die Möglichkeit zum Durchatmen bieten.

Büro als Heimat fordert einen Touch Natur

Wer den Luxus hat, einen Balkon, eine Terrasse oder einen Garten zu besitzen, bemerkte von Frühjahr bis Herbst die Vorteile. Die Natur beruhigt uns. Sträucher, Pflanzen und Bäume bewegen sich und machen Geräusche. Das entspannt uns. Deutschland ist übrigens ein Pionier in Sachen natürliche Materialien. Holz zum Beispiel. In Shanghai wird ein Bürokomplex gebaut, der 1000 Trees heißt und Sauerstoff für 1.000 Menschen pro Jahr erzeugen soll. Natur in der Architektur wird bei der Wahl des ersten und zweiten Ortes immer wichtiger.

Ein optimales Büro ist nachhaltig gebaut. Und zwar aus natürlichen Materialien, die am Leben bleiben. Holz lebt und verändert sich stetig. Wir brauchen Gebäude, die man den Bedürfnissen anpassen, reparieren und über Jahre oder Jahrzehnte genießen kann. Die mit uns wachsen. Wir müssen Büros machen, die wie Menschen sind.

Inszenierte Orte

Das soll sogar soweit gehen, dass Valium ausgeschüttet wird, wenn man Naturprodukte berührt. Orte emotional aufzuladen zieht Menschen an. Pilze in der Gemüseabteilung, die auf echten Holzstämmen liegen. Das gibt dem Konsument ein Erlebnis, das sich erstmals nur im Kopf abspielt. Edeka hat Gewürze am Point-of-Sale angepflanzt. Ein anderer Großhandelsbetrieb stellt Kunststücke in seinem Laden aus. Das verwandelt die Verkaufsfläche in einen kulturellen Ort.

Ein weiterer Erlebnisfaktor im Handel sind Ladenbauteile aus Holz oder Stein. „Valium wird ausgeschüttet, wenn man Naturprodukte berührt.“ „Edeka hat das ganz schön gemacht und Gewürze am POS angepflanzt – ein natürlicher Handelsort sozusagen.“ Kastner & Öhler in Graz spielt mit Inszenierung und stellt Kunststücke im Geschäft aus. So wird die Verkaufsfläche als kultureller Ort positioniert.

Büro als Heimat mit Abenteuerspielplatz

Der Erlebnisguru Christian Mikunda erklärt, dass Supermärkte heutzutage Erlebnisse mit Werbekampagnen von Verkäufern oder Produzenten statt mit Models schaffen. Auch Influencer begannen auf Instagram zu funktionieren, weil sie das Erlebnis verkauften. Wie lässt sich das also auf die Bürowelt umlegen? Vielleicht werden Unternehmer bei der Personalsuche Mitarbeiter als Testimonials einsetzen, die gleichzeitig das Büro als Heimat ausloben. Oder den Abenteuer- und Innovationsspielplatz in den Büroräumlichkeiten vorstellen.

Um ein Büro als Heimat zu sehen, muss man seinen Emotionen auch mal freien Lauf lassen können. Foto Photo by Fachry Zella Devandra auf Unsplash.com

Wir werden Büros also weniger als Behälter von persönlich zugeordneten Einzelarbeitsplätzen sehen, sondern vielmehr als Kommunikations-, Kollaborations- und Begegnungsorte, deren wesentliches Ziel Zusammenarbeit, agiles und produktives Miteinander ist. Vielleicht wird das Home Office Menschen nach 2 Jahren Dauer-Lockdown derart auf die Nerven gehen, dass sich ein Büro-Szenario der Zukunft so liest:

“Viele Mitarbeiter reisten nur nach Hause, wenn es unvermeidbar war; einfach weil sie sich vor der Einsicht fürchteten, ihre alte Heimat verloren zu haben und dort, wo sie einmal zu Hause gewesen waren, nur noch Gast zu sein.”
― Lukas Bärfuss

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