Beleuchtung am Arbeitsplatz: Trends in der Lichtkonzeption

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Wer sich für die Konzeption von Beleuchtung am Arbeitsplatz und die neuesten Lichtlösungen interessiert, stößt unweigerlich auf den Begriff „Human Centric Lighting“. Ganz im Sinne der New Work Philosophie steht auch hier der Mensch im Mittelpunkt. Was steckt hinter der Technologie von ‚menschenzentrierter Beleuchtung‘? Wie sehen die Trends in der Bürobeleuchtung aus? Um welche Must Haves kommt keiner herum?

Die Schreibtischlampe gibt‘s nicht mehr

„Die Bürobeleuchtung von heute dominieren Energiesparlampen und LEDs. Und 3500 Grad Kelvin hat sich als guter Kompromiss erwiesen. 3000 ist zu warm, 4000 ist zu kalt“, sagt Alex Breustedt von Graef. „Die Beleuchtung am Arbeitsplatz muss gleichmäßig diffus und schattenfrei sein. Man hat erkannt, dass punktuelles Licht am Arbeitsplatz zu Blendreflexen führt. Eine Schreibtischlampe macht einen Schattenwurf und dort, wo sie hin leuchtet, gibt es ein punktuelles Licht. Das schadet dem Auge, weil es blendet: auf Papier, auf der Tastatur, und weil es am Bildschirm reflektiert. Wichtig ist auch, dass die Lichtquelle über dem Mitarbeiter keine hohe Leuchtdichte hat“, erklärt Breustedt.

Die Pupille solle sich an eine gleichmäßige Beleuchtung am Arbeitsplatz gewöhnen. „Deshalb stellt man einen Laptop nicht vors Fenster, weil der Bildschirm eine völlig andere Beleuchtungsstärke (Einheit wird in Lux angegeben) als das Tageslicht hat. Die Pupille muss permanent aufmachen und sich wieder zusammenziehen, das strengt enorm an“, klärt Alex Breustedt auf. Positionieren Sie Ihren Bildschirm also parallel zum Tageslicht. Wieder was gelernt, auch fürs Homeoffice.

Viele Studien bewiesen in den letzten Jahren einen Zusammenhang zwischen schlechter Beleuchtung und der menschlichen Hirnaktivität. Wer sich lange in einem schlecht beleuchteten Raum aufhält, wird langsamer im Kopf. Man lernt und erinnert sich schlechter.

Blau weckt auf, rot macht schläfrig

Im Laufe eines Tages ändert sich die spektrale Anatomie des Lichts. Morgens ist der Blauanteil des Lichts größer, es ist heller. Das macht uns wacher. Der Schlafhormon-Level von Melatonin sinkt, dafür wird mehr Stresshormon Cortisol produziert. Je später der Tag, desto mehr sinkt der Blauanteil. Rot nimmt zu, der Körper fährt seine Aktivität herunter und richtet sich auf die Nacht ein.

Schlechtwetter und die unterschiedlichen Jahreszeiten beeinflussen die Lichteinstrahlungen natürlich ebenso. Gerade im Herbst und Winter trotzen viele Deutsche (von Skandinaviern gar nicht zu sprechen) dem Lichtmangel mit Energieleuchten.

Die ‚European Work Place Lighting Survey 2019‘ befragte 1.100 Angestellte in Büros. Die Erhebung ergab, dass 90% der Befragten zur Beleuchtung am Arbeitsplatz der Meinung sind, dass Licht ihre Stimmung beeinflusst. 92% sagten, dass Licht zu ihrer Wachheit im Büro beitrage. 87% meinten sogar, die Beleuchtung am Arbeitsplatz sei für ihre Performance verantwortlich.

Die Beleuchtung am Arbeitsplatz braucht ‚gesundes Licht‘

Der Großteil jener Menschen, die in Büros arbeiten, haltet sich vorwiegend in Innenräumen auf. Wer kein Tageslicht als Beleuchtungsquelle hat, leidet langfristig an einem gestörten Tag-Nacht-Rhythmus. Human Centric Light (HCL) Lösungen stellen das geeignete Licht zum richtigen Zeitpunkt zur Verfügung. Das hilft besonders Menschen, die nachts arbeiten (Mitarbeiter in Kliniken, in Pflege- und Altenheimen, aber auch Büro-Uhus wie ich). Am Abend und in der Nacht können bereits geringe Lichtdosen zu Störungen des Bio-Rhythmus führen. Die gesundheitsschädigende Wirkung der Melatoninunterdrückung durch Licht in der Nacht gilt mittlerweise als bewiesen. Wo die Wissenschaft noch nachlegen muss, sind ähnlich starke Beweise für die gesundheitsfördernde Wirkung von Licht am Tag.

Wie funktioniert dynamisches Licht?

Als „dynamisch“ wird eine Beleuchtung bezeichnet, wenn sie sich während des Betriebs in Bezug auf einen oder mehrere Parameter verändert. Als Parameter gelten zum Beispiel Beleuchtungsstärke, Lichtfarbe oder Lichtrichtung. Bei den HCL Lösungen am Markt handelt es sich primär um Kunstlichtlösungen mit variabler Lichtfarbe. Die Integration von Sensortechnik zur Erfassung von Personendaten erfolgt bis dato sehr eingeschränkt, auch aufgrund von Datenschutzbestimmungen.

Deshalb werden die Lichtfarben auf Basis einer vorprogrammierten Lichtnutzungskurve im Tagesverlauf verändert. Das basiert auf statistischen Daten, leider nicht auf individuellen. Derzeit gibt es 2 Nutzungsstrategien: 1) Lichtintensität und Farbtemperatur werden zur Stabilisierung des circadianen Rhythmus mit einer zur Tagesmitte ansteigenden und zum Arbeitstag-Ende abflachenden Kurve programmiert. Oder 2): Am Morgen und gegen Abend hin werden kurze Lichtimpulse gesetzt, um die Mitarbeiter entweder zu aktivieren oder zu entspannen.

Im Westen nichts Neues

„HCL-Anwendungen sind aufwendig und teuer. Es hat in den letzten Jahren keine Revolution im Lichtsektor gegeben. Der größte Fehler der führenden Corporates im Lichtsektor: Sie haben sich nur auf Hardware-Lösungen und nicht auf HCL Softwarelösungen konzentriert. Anstelle Innovatives zu entwickeln – das zugegeben schon Millionen € an Entwicklungskosten verschlingen kann – haben sie alle mehr oder weniger dieselben Beleuchtungskörper designt. Eine innovative Firma aus Österreich ist Bartenbach. Dieses Unternehmen entwickelt individuelle Lichtkonzepte und setzt Trends“ sagt Erwin Dolmans, Unternehmensberater und davor General Manager bei RENA Electronica B.V. und Global Marketing Director bei Philips Lighting.

Erwin Dolmans, seit vielen Jahren Mitentwickler innovativer Beleuchtungstechnologie, lobt die Lichtdesigner von Bartenbach im Interview mehrfach. Sie verstünden, dass Beleuchtungshardware und -software unterschiedliche Einheiten sind. Dolmans erklärt: „Szeneneinstellung und Szenenentwicklung bei der Beleuchtung von Orten – ob indoor oder outdoor inszeniert – sind der Schlüssel, um sich zu differenzieren und Mehrwert zu schaffen. Hardware-Beleuchtungshersteller sollten bei der Entwicklung von Produkten unbedingt mit Unternehmen zusammenarbeiten, die ‚human centric‘ (auf Menschen zentrierte) und intelligente Beleuchtungskonzepte entwickeln.“

Must-haves im Büro von heute

  • LED Beleuchtung ist obligatorisch. Tageslichtabhängige Beleuchtung ist wichtig, ganz simpel nach dem Prinzip:  Draussen hell, Beleuchtung dunkel, draussen dunkel, Beleuchtung hell.
  • Ein weiteres vereinfacht ausgedrücktes Konzept, das zum Teil jetzt schon salonfähig ist: Jemand da, Lampe an, niemand da, Lampe aus.
  • Beleuchtung mit Schwarmfunktion: Sitzt ein Mitarbeiter alleine im Büro, ’sprechen die Lampen miteinander‘, es wird um sie/ihn herum hell.
  • Neben den Modetrends (gebürstetes Aluminium, Holz, glänzender Edelstahl, etc) ist die Wiederverwendung von Materialien ein klarer Trend, welcher der Philosophie der Kreislaufwirtschaft folgt. Ingenieure folgen dem „Entwurf für die Demontage“. Es geht darum, so viele Materialien wie möglich wiederzuverwenden.

Licht als Stimmungsmacher

„Energiesparen ist bei der Lichtkonzeption heute erforderlich. Im Trend liegt Beleuchtung, die tagesabhängig mit Lichtfarben arbeitet (Rot/Blau-Färbung). Da sich New Work für unterschiedliche Arbeitsweisen einsetzt – ergo nicht  für Bürokonzepte, bei denen alle auf die gleiche Weise arbeiten – reagieren wir auf diese unterschiedlichen Arbeitsweisen mit der passenden Lichtstimmung“, addiert Alexander Breustedt. „Wenn Du in der ‚Quiet Zone‘ bist, hast Du eine andere Lichtstimmung, als wenn Du im Workshop sitzt. Eine Lounge Zone wird anders ausgeleuchtet als die Konzentrationszone. Du benutzt Licht als Stimmungsmacher für unterschiedliche Arbeitsweisen. Wie auch die richtige Möblierung die Stimmung von Menschen im Büro unterstützt, tun das auch Lichtkonzepte.“

Beleuchtung am Arbeitsplatz erzeugt Stimmungen – mal anregend, mal entspannend – Foto: GRAEF

Fazit zur Beleuchtung am Arbeitsplatz

Fakt ist, dass der Großteil der ost-, mittel- und nordeuropäischen Länder – trotz Temperatur- und Tageslicht-Spitzen im Sommer – kalten Temperaturen und wenig Sonnenlicht ausgesetzt ist. Das macht HCL-Lösungen erforderlich. Die Marktgröße von Human Centric Lighting wird – so die Analyse von Global Market Insights – jährlich bis zu 25 Prozent wachsen. Es wird ein Marktwert von 6 Mrd USD bis 2025 prognostiziert. Die Beliebtheit neuer Beleuchtungstechnologien im Zusammenhang mit dem Ersatz schädlicher konventioneller Leuchten nimmt rasant zu.

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