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2021: Von Routinen zu neuen Perspektiven

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Das unfassbare Jahr 2020 war das Jahr, das jede Vorhersehbarkeit ruinierte. Businesspläne, Urlaubspläne, Hochzeitspläne. Die Pandemie stellte uns vor Situationen, die alles auf den Kopf stellten. 2020 hat uns allen gezeigt, dass Vorhersehbarkeit eine Illusion und Sicherheit ein Irrtum ist. Von unserem eigenen Gehirn getäuscht, das den ganzen Tag nach Routinen sucht. Corona hat eines geschafft: uns Möglichkeiten aufgezeigt, wie wir von Routinen zu neuen Perspektiven gelangen. Und das Korsett aus Erwartungen und Regeln sprengen, um es leicht dramatisch zu benennen.

Die Wissenschaft hat uns gezeigt, wie wir Unsicherheit zu einem Verbündeten machen können. Psychologen wissen seit langem, dass spontane Problemlösungen das Selbstvertrauen enorm stärken. An diesem letzten Tag des Jahres 2020 blicken wir zurück und hoffnungsvoll nach vorne.

Mein Unwort des Jahres 2020: Home Office

Home – Office. Gefühlte Millionenmal wurde dieses Wort in unserem Sprachjargon (über)strapaziert. Hat es den einen entlastet, weil der Arbeitsdruck sank und das Zuhause-Gefühl Stress reduzierte, wurde der andere ganz nervös, weil die Kinder um den Tisch tanzten und die feste Struktur eines Arbeitsalltags im Büro verloren ging. Wer außerdem vor allem am Küchentisch oder auf der Couch am Laptop klebte, hat aus dem Jahr 2020 Rückenschmerzen und eine Sehnenscheidenentzündung mitgenommen.

Alles eine Sache der Perspektive

Als es um den Blick auf den Arbeitsweg ging, applaudierten anfangs alle. Ein Pendler, der vor Corona regelmäßig eine halbe Stunde mit dem Auto im Berufsverkehr steckte, hat über den Wegfall des stressigen Arbeitsweges gejubelt. Wer aber zu Fuß oder mit dem Fahrrad ins Büro gelangte, dem fehlte plötzlich ein essenzieller Teil seiner täglichen Routine. Ohne die regelmäßige körperliche Bewegung steigt der Bauchumfang. Dazu kommt, dass die Distanz zwischen Arbeit und Privatleben durch den fehlenden Arbeitsweg keinen Raum mehr bekommt. Menschen mit einem Hang zum Workoholismus wurden fett und chronisch erschöpft.

Die Jungen wollen zurück ins Büro

Es hat mich überrascht zu hören, dass jüngere Arbeitnehmer mit Remote Work mehr kämpfen als ältere. Die Hälfte der Befragten einer US-Studie, die aus Vertretern der Generation Z und Millennials bestand, fand die Kommunikation mit Kollegen im Büroalltag schwierig. Eine Erklärung dafür ist, dass sie weniger Erfahrung haben, mehr Informationen benötigen und diese schnell erwarten. Eine anderer Grund ist, dass ihnen nicht die richtige Technologie zur Verfügung gestellt wurde.

Jüngere Mitarbeiter wohnen auch öfter in gemeinsamen oder kleineren Wohnungen. Ältere Kollegen haben größere Wohnungen und Häuser mit einer separaten Bürofläche. Jüngere Mitarbeiter vermissen auch die Sozialisierung und Betreuung, die in einem physischen Büro stattfindet. Gerade junge Menschen, die sich in einem frühen Studium ihrer Karriere befinden, stört das Fehlen der Bürodynamik. Ich kann mich gut an meine Anfänge in einer Mediaagentur erinnern. Ich habe als 19jährige immens viel über die interne Abläufe, die Team-Dynamik und die Effizienz, mit der man Tätigkeiten erledigen kann gelernt, weil ich meine erfahrene Kollegin auf Schritt und Tritt begleiten durfte. Das kann ein voll-digitales Office mit temporärer Remote-Kommunikation niemals ersetzen.

Mehr Raum fürs Kreative und große Denken

Da sich 2021 weniger Menschen als vor Corona in Bürogebäuden aufhalten werden, können Unternehmen die Räume entsprechend den Bedürfnissen der Mitarbeiter umgestalten lassen. Mitarbeiter werden ins Büro kommen, um sich mit Kollegen zu Brainstorming, gesellschaftlichen Veranstaltungen oder Schulungen zu treffen. In diesem Fall können die Schreibtische reduziert und durch kreative Räume oder Bereiche im Café- und Play-Stil ersetzt werden. Die Büros werden einfach zusätzlich für soziale Distanzierung und bessere Gesundheits- und Sicherheitsmaßnahmen sorgen müssen – falls neue Viren die Bürowelt lahmlegen.

Mehr Chancen für Frauen

Worüber noch wenig berichtet wurde, sind die Chancen für Frauen, die Home Office und ein zunehmend digitales Office bietet. In einer Studie wurde festgestellt, dass fast ein Drittel der Mütter eine Berufspause einlegt, weil ihnen keine flexiblen Optionen zum Weiterverbleib in der Belegschaft angeboten wurden. Heutige Technologien erleichtern das Interviewen, die Einstellung und das Onboarding der Frauen als Remote-Mitarbeiterinnen.

Arbeite klug, nicht hart

Weil Unternehmen nicht so viel Bürofläche wie früher benötigen, werden sich mehrere Unternehmen zusammentun und ein gemeinsames Büro mieten. Möglicherweise haben die Mitarbeiter dann keinen bestimmten Arbeitsplatz, sondern einen Hot Desk, welchen sie im Voraus reservieren müssen. Manche Unternehmen werden sich dezentralisieren und regionale Knotenpunkte in Coworking Spaces einrichten. Dies ermöglicht es den Mitarbeitern, in kostengünstigere Bereiche umzuziehen und ins Büro zu kommen, wann sie wollen.

Von Routinen zu neuen Perspektiven in der Arbeitswelt heisst auch, dass Corona bewiesen hat, dass die Arbeitswelt flexibel sein kann. Büro – Home Office – Hybridmodelle. Es ist nicht das Ende der Büro-Ära, aber es ist definitiv das Ende der festen Zeiten von 9 bis 17 Uhr und Präsenz von Montag bis Freitag. Der Arbeitsplatz der Zukunft ist hybrid. Mehr als ein Viertel der Beschäftigten wird bis Ende 2021 eine hybride Arbeitsform adoptieren.

Ob Entwicklungsingenieure, Büromöbeldesigner, Compliance Officer oder Angestellte aus der Personalabteilung: Viele Angestellte können längere Zeit auf Lanzarote oder in der Weinregion am Mittelrhein remote arbeiten. Wer hier Freiräume schafft und dazu bereit ist, nicht nur beim Design des nächsten Produkts, sondern auch für seine Mitarbeiter an die Grenzen des Vorstellbaren zu gehen, wird ganz sicher belohnt werden.

 Und was kommt noch?

  • Mehr Gerede über die KI: Laut einer deutschen Bitkom-Research-Studie sieht fast jeder Zweite die Chance, dass künstliche Intelligenz „langweilige Routinetätigkeiten“ automatisieren wird (tut sie ja schon seit längerem und die Vorteile werden in der Bürowelt endlich sichtbar). Nur in der Gesellschaft freuen sich noch wenige über KI – Systeme. Diese seien diskriminierend und benachteiligend, so die Kritik. Die Algorithmen, auf denen die KIs nämlich beruhen, seien im Schnitt (zu) weiß und (viel zu) männlich programmiert. Das bringt beispielsweise für Black and People of Color (BIPOC) Probleme bei Gesichtserkennungen, für Frauen bei der Spracherkennung. Da könnte 2021 Farbe und Mut zur Weiblichkeit bekennen.
  • Ängste nicht zulassen: Der Corona-Winter und das lahmgelegte soziale Leben, das viele Menschen auf sich selbst zurückwirft, ist ein Nährboden für Ängste. Viele wissen nicht, wie sie mit der Angst um sich selbst oder geliebte Familienmitglieder, den Ängsten der Umgebung, die wir auch oft spüren, und den Ängsten, die durch die Medien getragen werden umgehen sollen. Niemand weiß, wie sich die Lage im Land, im Job, in der Schule, etc. entwickeln wird. Diese Unsicherheit führt zu einer „flächendeckenden Stressbelastung“. Psychotherapeuten und Psychiater profitieren, weil sie Angst schüren: Je länger man mit einer Angststörung warte, desto größer die Chance, dass die Angst etwas kaputt macht oder verhindert: eine Beziehung, den Studienabschluss, gute berufliche Entscheidungen.
  • Ein Tipp: Gedanken neu ausrichten: Sie kennen das vielleicht, wenn Sie nicht ausgeschlafen sind. Dann sind die seelischen Widerstandskräfte nicht ganz da und man neigt zum Überdramatisieren einer Situation. Betrachten Sie die Dinge nüchtern. Erinnern Sie sich an Probleme, die man anfangs für eine Katastrophe hielt, für die man dann aber eine gute Lösung gefunden hat. Das ist ein zentraler Teil der Psychotherapie. Wer sich gezielt fragt, was in schwierigen Situationen geholfen hat, stößt auf Ressourcen – etwa gute kommunikative Fähigkeiten, die Nutzung seiner Netzwerke, oder ein Talent, das in einem schlummert und geweckt werden will.

Die gute Nachricht für 2021

Es braucht nicht viel, um aus Mantras wie „Wir haben es immer so gemacht“ auszubrechen. Von Routinen zu neuen Perspektiven: das braucht ein wenig Zeit, Neugier und Tatendrang. Es braucht auch Mut und Sorglosigkeit. Probieren Sie neue Dinge aus. Im Jahr 2021 müssen wir auch den Zufall zulassen. Beim Würfeln die vier gutheissen, auch wenn man eine sechs wollte. Ohne Wetter-App und Regenschirm zum Spaziergang aufbrechen. Personen ansprechen, die neben Ihnen in der Bahn sitzen. Orte besuchen, von denen Sie noch nie gehört haben.

Unsere Botschaft an Sie: Träumen Sie ‚größer‘. Großes geschieht nie, wenn Sie gemütlich am Sofa liegen.

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